Heute beginnen wir eine neue Reihe von Episoden. Diese ist speziell für interessierte Familien, die sich überlegen vielleicht auch Pflegefamilie zu werden. Und so nennen wir diese Reihe auch:

Pflegefamilie werden! Grundlagen verständlich dargestellt.

Haben Sie über die Frage – Pflegefamilie zu werden –  schon einmal nachgedacht. Wenn ja sind sie hier genau richtig, wenn nein, dann hören sie dennoch einmal rein, vielleicht bekommen sie ja Interesse mehr über dieses Thema nachzudenken bzw. erfahren zu wollen.

So oder so, bei Interesse zum Thema Pflegefamilie, können sie sich gerne bei uns melden. Die Kontaktdaten finden sie in unseren hier.

Mein Name ist Bertram Kasper und ich arbeite beim St. Elisabeth-Verein in Marburg im Fachbereich Pflegefamilien Hessen. Mit einigen Kolleginnen produzieren wir seit April 2020 den Podcast Pflegefamilien Deutschland. Es sind inzwischen schon 22 Episoden auf allen einschlägigen Podcasts Plattformen zu hören. Wir veröffentlichen jeden 2. Freitag um 8:00 Uhr morgens eine neue Folge.

Ich selbst arbeite schon seit über 33 Jahren in der Kinder und Jugendhilfe und davon fast die Hälfte der Zeit im Pflegekinderbereich. In unserem Fachbereich Pflegefamilien betreuen wir aktuell 124 Familien mit fast 190 Kindern.

Heute starten wir mit der Frage: Was ist überhaupt eine Pflegefamilie?

In den letzten Jahren ist der Bedarf an lebenswerten Lebensorten in Familien besonders für Säuglinge und Kleinkinder in Deutschland deutlich gestiegen. Gleichzeitig wird es immer schwieriger Familien für diese Aufgabe zu gewinnen. Deshalb sind wir fortlaufend auf der Suche nach Familien, die sich vorstellen können diese sinnstiftende Aufgabe zu übernehmen.

Wir möchten Sie als interessierte Familie mit unserem Podcast in den nächsten Episoden über grundlegende Themen im Zusammenhang mit Pflegefamilien informieren. Heute beginnen wir – wie schon gesagt – mit der Frage:

Was ist überhaupt eine Pflegefamilie?

Zunächst ist es so, dass es im Bereich der Kinder und Jugendhilfe das sogenannte 8. Sozialgesetzbuch oder auch das Kinder und Jugendhilfegesetz gibt. Für den Bereich von Pflegefamilien gibt es den Paragraph 33, in ihm steht folgendes:

ich zitiere: § 33 Vollzeitpflege

Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege soll entsprechend dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen und seinen persönlichen Bindungen sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie Kindern und Jugendlichen in einer anderen Familie eine zeitlich befristete Erziehungshilfe oder eine auf Dauer angelegte Lebensform bieten. Für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche sind geeignete Formen der Familienpflege zu schaffen und auszubauen.

§ 33 SGB VIII

Was ist Vollzeitpflege überhaupt? Sie ist eine Hilfe für Eltern die sich nicht in der Lage sehen ihr Kind alleine zu versorgen und zu erziehen. Hierbei kommt das Jugendamt ins Spiel.

Was ist das Jugendamt als öffentliche Behörde und welche Aufgaben übernimmt es?

Ich zitiere von der Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft der Jugendämter „https://www.unterstuetzung-die-ankommt.de/de/leistungen/was-macht-das-jugendamt/, den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

„Das Jugendamt unterstützt Eltern und Erziehungsberechtigte bei der Erziehung, Betreuung und Bildung von Kindern und Jugendlichen. Dabei setzt es auf vorbeugende, familienunterstützende Angebote, die dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für Familien zu schaffen. Das Aufgabenspektrum reicht von der Organisation einer qualitätsvollen Kinderbetreuung über die Erziehungsberatung und den Schutz des Kindeswohls bis hin zur Förderung von Angeboten für Jugendliche und zur Schaffung einer kinder- und familienfreundlichen Umwelt. An das Jugendamt kann sich jede und jeder wenden, insbesondere auch Kinder und Jugendliche, wenn sie Probleme haben oder in Notsituationen sind.“

Kinderschutzaufgaben des Jugendamtes

Wenn es um das Thema Vollzeitpflege geht, spielen in der Regel die Kinderschutzaufgaben des Jugendamtes eine Rolle. Dabei kann es sein, dass die leiblichen Eltern kooperativ mit dem Jugendamt zusammenarbeiten und die Unterstützung selbst beantragen oder dass das Familiengericht eine Entscheidung zum Verbleib des leiblichen Kinders im Rahmen des Kinderschutzes treffen muss. Das Gericht ist dann der Auffassung, dass Eltern nicht bereit oder in der Lage sind, Gefahren für das körperliche, geistige und seelische Wohl ihres Kindes abzuwenden. Diese Entscheidung wird von den Eltern oft als kränkend erlebt.

Ich denke alle Beteiligten sind froh, wenn ein Pflegeverhältnis für ein Kind einvernehmlich durchgeführt werden kann und darauf versucht auch das Jugendamt hinzuarbeiten. Gelingt dies nicht so gut, versuchen wir während des Pflegeverhältnisses die Zusammenarbeit von allen Beteiligten, also auch mit den Eltern zu fördern. Denn dann ist es für die Kinder auch leichter sich gut auf das Leben in der Pflegefamilie einzulassen. Wenn Eltern also nicht in der Lage sind ihr Kind selbst zu versorgen, ist möglich dass das Kind entweder vollständig oder zum überwiegenden Teil in einer Pflegefamilie lebt.

Ziel der Hilfe

Ziel dieser Hilfe ist es immer, auch den Eltern die Möglichkeit zu geben die Erziehungsbedingungen in ihrer eigenen Familie zu verbessern. Deshalb unterscheiden wir auch in der Pflegekinderhilfe zwischen kurzfristig angelegten Pflegeverhältnissen und auf Dauer angelegten Pflegeverhältnissen. Dies hängt von der Einschätzung der Fachleute ab und muss regelmäßig überprüft werden.

Der über überwiegenden Teil von Pflegeverhältnissen ist auf Dauer angelegt. Dies hat auch damit zu tun, dass häufig sehr kleine Kinder für Pflegefamilien angefragt werden und dass die Prognose im Herkunftseltern System eher als schwierig eingeschätzt wird.

Damit gibt eine Pflegefamilie einem nicht leiblichen Kind ein Zuhause. Somit übernimmt die Pflegefamilie Verantwortung für die Betreuung und Erziehung des Kindes im Alltag mit allem was dazu gehört. Sie übernimmt also eine ganz ähnliche Verantwortung und Aufgabe wie bei den eigenen Kindern. Somit gestalten sie als Familie ihr Leben mit einem Pflegekind genauso, wie sie es mit ihren eigenen Kindern tun. Sie trösten, sie lachen miteinander, sie streiten auch mal, sie unterstützen bei den Hausaufgaben, sie gehen zur Schulelternabenden, sie fahren mit allen in den Urlaub oder besuchen Verwandte, fahren in den Zoo oder lesen vor. Familienleben eben.

Es gibt jedoch einen ganz entscheidenden Unterschied?

Als Pflegefamilie werden Sie eine – wie wir es immer sagen – öffentliche Familie. Was heißt das konkret?

Ganz praktisch heißt dass z.B. es kommen Menschen zu Ihnen nach Hause, zu denen sie sonst gar keinen Bezug hätten. Mitarbeitende vom Jugendamt oder unsere Kolleg:innen aus der Fachberatung. Vielleicht sogar die Eltern des Pflegekindes, wenn dies machbar ist. Ansonsten treffen sich die Pflegeeltern und die leiblichen Eltern zu den Besuchskontakten an neutralen Orten.

Es sind also Fachleute, die sozusagen in ihre Familie schauen, um nachzuschauen, dass sich das Pflegekind auch gut entwickelt und bei ihnen gut aufgehoben ist. Ein oder zweimal im Jahr gibt es dann ein sogenanntes Hilfeplangespräch bei dem die Erziehungsziele und die Formen der Zusammenarbeit mit allen Beteiligten besprochen werden.

Pflegefamilien haben einen Anspruch auf Beratung als Pflegefamilie. Und wir vom St. Elisabeth-Verein stellen solch einen Beratungsdienst zur Verfügung. Dies erleichtert es allen Beteiligten die Hilfe für das Pflegekind gut zu gestalten. D.h. heißt für uns ist es besonders wichtig, dass sie als Pflegefamilie bei ihrer Aufgabe fachlich gut unterstützt und begleitet werden. Dazu gibt es weitere Unterstützungsangebote wie z.B. Fortbildungen oder Supervision für sie. Und was auch ganz wichtig ist: Eine Pflegefamilie entwickelt sich mit ihren Aufgaben, mit dem Lösen von Problemen und wird so erst zur Pflegefamilie. Sie wächst sozusagen an ihren Herausforderungen.

Aufwandsentschädigung

Für ihren Einsatz erhalten Pflegefamilien eine finanzielle Aufwandsentschädigung. Ein Teil des Geldes ist direkt für den Sachaufwand des Pflegekindes gedacht z.B. Kleidung, Essen, Schulmaterial etc. und variiert nach Alter der Kinder. Der andere Teil stellt einen finanziellen Beitrag für die Pflegeeltern dar. Die Beträge sind bisher steuerfrei. In Summe wird etwa ein Betrag pro Kind zwischen ca. 800 – 1200 € gezahlt. Pflegefamilien sollen auf keinen Fall von diesem Geld leben müssen, so dass es immer einen Hauptverdiener geben muss.

Förderverein Pflegekinder

Möchten Sie sonst etwas über die Arbeit als Pflegefamilie erfahren, dann wenden Sie sich gerne an Pflegefamilien Hessen. Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahmen.

Möchten Sie sich auf eine andere Art und Weise für Pflegekinder engagieren, können Sie im Förderverein zur Unterstützung von Pflegekindern Deutschland e.V. Fördermitglied werden. Damit beflügeln Sie Zukunftsträume von Pflegekindern. Hier geht es zum Antrag auf Mitgliedschaft!