Verschiedene Theorien zur Sprachentwicklung unterscheiden sich vor allem darin, ob sie der individuellen Veranlagung mehr Gewicht beimessen, oder dem Umfeld. Fest steht jedoch, dass soziale Interaktion für den Spracherwerb unerlässlich ist. Dabei reicht es nicht aus, sprachliche Medien zur Verfügung zu stellen, da diese nicht mit dem Kind interagieren und ihm deshalb die Möglichkeit fehlt, selbst Laute und später Sprache zu produzieren.[1] Besonders wichtig ist der gemeinsame Aufmerksamkeitsfokus zwischen Kind und Bezugsperson, denn je häufiger Eltern und Kind ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf etwas lenken, desto besser entwickelt sich der Wortschatz des Kindes.[2]

Sprache steht in engem Zusammenhang mit dem Denken: Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung zeigen oft auch geistige Entwicklungsverzögerungen. Zudem fördert ein großer Wortschatz die Speicherfähigkeit des Gehirns. Sprache ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, Verhalten, Gedanken und Einstellungen sowie kulturelle Zusammenhänge zu verstehen und sich auf diese Weise in eine Gruppe eingliedern und mit anderen austauschen zu können. Hierzu gehört auch, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken zu können.

Voraussetzungen für den Spracherwerb

Der Spracherwerb hängt von verschiedenen Voraussetzungen ab. Zu den grundlegenden körperlichen Bedingungen zählen eine intakte Gehirnstruktur sowie uneingeschränkte Sinnes- und Körperwahrnehmungen.

So spielt das Sehvermögen eine zentrale Rolle, da Kinder durch das Beobachten und Nachahmen der Sprechbewegungen erwachsener Personen lernen. Kinder mit Sehbeeinträchtigung zeigen daher häufig eine verzögerte Sprachentwicklung.

Auch die auditive Wahrnehmung muss unbeeinträchtigt sein. Wichtig ist dabei nicht nur das Hörvermögen an sich, sondern auch die Umgebung des Kindes. Bereits mit etwa sechs Monaten sind Kinder in der Lage, verschiedene Laute zu unterscheiden – allerdings nur dann, wenn diese klar und ohne ständige Störgeräusche, wie beispielsweise dauerhaft laufende Musik, wahrgenommen werden können. Eine Reizüberflutung kann die auditive Entwicklung beeinträchtigen.

Die motorische Entwicklung stellt eine weitere wichtige Voraussetzung für den Spracherwerb dar. Die Bewegungen von Lippen, Zunge und Kiefer, die für eine klare Aussprache erforderlich sind, sind äußerst komplex und müssen im Laufe der Entwicklung automatisiert werden. Je mehr Möglichkeiten ein Kind hat sich zu bewegen, Gegenstände mit dem Mund zu erforschen und seine Grob- und Feinmotorik zu entwickeln, desto besser entwickelt sich die Aussprache. Erst wenn ein Kind in der Lage ist, einzelne Körperteile gezielt zu steuern, kann es auch die feinen Bewegungen für das Sprechen kontrollieren.

Darüber hinaus sind auch emotionale Sicherheit und ein entwicklungsfördernder Erziehungsstil entscheidend. Eine stabile Bindung zu einer feinfühligen, zugewandten Bezugsperson wirkt sich positiv auf den Spracherwerb aus. Fehlt eine solche Beziehung, kann dies die Sprachentwicklung nachhaltig beeinträchtigen.[4]

Da die Sprachentwicklung im hohen Maße von dem Umfeld eines Kindes abhängt, lassen sich die Phasen der Sprachentwicklung zeitlich nur schwer bestimmen. Wenn Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung verzögert sind, bedeutet dies noch lange keine Sprachstörung. Oft entwickelt sich die Sprache sprunghaft oder weist Lücken auf, weil zunächst andere Dinge gelernt werden. Trotzdem weisen die meisten Kinder zu bestimmten Zeitpunkt gewisse sprachliche Fähigkeiten auf.[5]

Stufen der Sprachentwicklung

Vor der Geburt:

Die Sprachentwicklung beginnt schon im Mutterleib, denn bereits ab der 27. Schwangerschaftswoche kann der Fötus die Sprache seiner Mutter wahrnehmen. Neugeborene können deshalb unmittelbar nach der Geburt bereits die menschliche Sprache von anderen Geräuschen unterscheiden und die eigene Muttersprache erkennen.[6]

Schreien (0-6 Monate):

Das Schreien dient in den ersten Lebensmonaten als Vorstufe der Sprache und Kommunikationsmittel, um Bedürfnisse wie Hunger oder Unbehagen auszudrücken. Später folgen glucksende und gurrende Laute, ab dem vierten Monat erste Silben, und bis zum sechsten Monat entsteht Geplapper aus Lautfolgen.

Lallen (6 Monate – 1 Jahr)

Mit etwa sechs Monaten beginnen Kinder zu lallen (z. B. la-la-la), hören sich selbst und wiederholen ihre Laute (Selbstnachahmung/Echolalie). Sie versuchen auch, Erwachsene nachzuahmen, wofür das Gehör wichtig ist. Gehörlose Kinder lallen zunächst ebenfalls, stellen dies aber später ein.

Einwortsätze (Zwischen 8 und 18 Monaten)

Zwischen dem 8. und 18. Lebensmonat beginnen viele Kinder, ihre ersten Wörter zu sprechen. Diese bestehen meist aus ein bis zwei Silben und haben eine besondere Bedeutung für das Kind, weil sie im Alltag oft von den nahen Bezugspersonen verwendet werden. Typische Beispiele sind Wörter wie „Mama“, „Papa“ oder „Wauwau“.
Diese ersten Wörter sind mehr als nur einfache Bezeichnungen – sie drücken ganze Gedanken oder Wünsche aus. Man spricht deshalb von sogenannten Einwortsätzen. Ein einziges Wort wie „Mama“ kann ganz Verschiedenes bedeuten: „Mama, ich habe Hunger“ oder „Mama, ich brauche Hilfe“.
Eltern erkennen oft durch den Tonfall oder die Mimik was genau ihr Kind sagen möchte. Manchmal ist die Bedeutung auch nur in der konkreten Situation verständlich. Das ist ganz normal und Kinder lernen in dieser Phase, sich Schritt für Schritt immer gezielter mitzuteilen.

Zwei- und Mehrwortsätze (18 Monate bis 3,5 Jahre)

Zwischen 18 und 27 Monaten beginnen Kinder, ihren eigenen Namen zu verwenden. Sie erkennen, dass Dinge Namen haben, stellen „Was?“-Fragen und zeigen auf Gegenstände, um sie zu benennen. Zunächst überwiegen Substantive, später kommen Adjektive und Verben hinzu. Erste Mehrwortsätze sind noch ungrammatisch und bestehen aus aneinandergereihten Wörtern, z. B. „Mama da da“ für „Mama, ich will raus“.
Das Kind beginnt, Wörter grammatikalisch zu verbinden, oft mit einfachem Satzbau wie „Blume nicht blüht“. Fehler bei Ableitungen wie „getrinkt“ kommen vor, werden aber von Erwachsenen korrigiert. Wortschöpfungen („Schmutzmann“ für Straßenkehrer) und unkorrekte Laute („Tatze“ statt „Katze“) sind typisch. Erwachsene sollten korrekt und mit großem Wortschatz sprechen, statt Kindersprache zu imitieren. Kinder kommentieren in dieser Phase auch ihr eigenes Spielverhalten.

Richtiges Sprechen

Schließlich werden einfache Sätze richtig gebildet und auch die Grammatik wird immer sicherer angewandt. Sogar erste Haupt- und Nebensätze entstehen, die meistens mit „und“ oder „dann“ verbunden werden.
Die meisten mehrsilbigen Wörter werden schließlich ebenfalls richtig ausgesprochen, Aussprachefehler kann es noch bei den Lauten „k“, „s“ und „sch“ geben.

Stufe der Festigung (bis 5 Jahre)

In dieser Phase wird der richtige Satzbau gefestigt und die Laute der Muttersprache werden nahezu korrekt ausgesprochen. Zunächst beginnt die Phase der „wo-Fragen“, zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr und schließlich jene der „Warum-Fragen”. Da Kinder in dieser Phase oft schneller sprechen wollen, als sie können, entsteht bei 80% von ihnen ein entwicklungsbedingtes Stottern. Mahnungen zum langsamen Sprechen können das Stottern verstärken. Nach dem vierten Lebensjahr klingt das Stottern meist ab; bleibt es länger, gilt es als Störung.[7]

Sprachentwicklung 5-10 Jahre

Der Prozess der Sprachentwicklung setzt sich bis ins Schulalter fort, wobei der Wortschatz bis auf 10000 Wörter bei sechsjährigen Kindern ansteigt. Zu dieser Zeit verstehen sie rund 23000 Wörter. In der Regel können Kinder jetzt grammatikalisch richtig sprechen, alle Strukturen der Muttersprache werden aber erst mit rund neun Jahren beherrscht. Im Laufe der Zeit kommt ein Verständnis für Analogien, Metaphern und differenziertere Wortbedeutungen hinzu.[8]

Quellen:

[1] Kienbaum, Jutta; Schuhrke, Bettina; Ebersbach, Mirjam (2023): Entwicklungspsychologie der Kindheit. Von der Geburt bis zum 12. Lebensjahr. 3. aktualisierte Auflage. W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart. S. 112ff.

[2] Weinert, Sabine; Grimm, Hannelore (2018): Sprachentwicklung. In: Schneider, Wolfgang; Lindenberger, Ulman (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 8., überarb. Auflage. Beltz: Weinheim. S. 445-469. S. 464.

[3] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 65

[4] Ebd., S. 55f.

[5] Ebd., S. 57.

[6] Kienbaum, Jutta; Schuhrke, Bettina; Ebersbach, Mirjam (2023): Entwicklungspsychologie der Kindheit. Von der Geburt bis zum 12. Lebensjahr. 3. aktualisierte Auflage. W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart. S. 104.

[7] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. –> S. 57-63.

[8] Ebd., S. 65