Denken ermöglicht dem Menschen, Erkenntnisse zu gewinnen, indem er Informationen analysiert, ordnet, verknüpft und daraus Schlüsse zieht. Es erfüllt dabei eine zentrale Funktion im menschlichen Leben: Denken steuert die Motorik, beeinflusst die Sprache und gründet auf den Leistungen des Gedächtnisses, das es zugleich lenkt und nutzt. Darüber hinaus wirkt Denken auf die Wahrnehmung, reguliert den Umgang mit Gefühlen und Bedürfnissen und prägt maßgeblich das Sozialverhalten.[1] Aber wie entsteht eigentlich Denken? Diese Frage beschäftigt die Entwicklungspsychologie seit Langem. Der schweizer Biologe und Psychologe Jean Piaget widmete sich intensiv dieser Thematik.

Piaget wollte verstehen, wie Kinder eine innere Vorstellung von ihrer Umwelt aufbauen – also äußere Erfahrungen innerlich repräsentieren. Er geht davon aus, dass Kinder nicht wie Erwachsene denken können, da sich ihre Denkstrukturen erst nach und nach entwickeln. Immer wieder geraten sie dabei in ein Ungleichgewicht zwischen dem, was sie bereits verstehen, und dem, was sie neu erfahren. Zentral sind dabei die Prozesse der Assimilation und Akkommodation:[2]

Assimilation bedeutet, neue Erfahrungen in bereits vorhandene Denkmuster einzupassen.
Zum Beispiel nennt ein Kind eine Kuh zunächst „Wauwau“, weil es gelernt hat, dass Tiere mit vier Beinen so heißen.

Akkommodation bedeutet, dass sich Denkmuster an neue Erfahrungen anpassen und erweitern.
So lernt das Kind zum Beispiel, dass eine Kuh kein Hund ist und benennt sie nun richtig mit „Kuh“.[3]

Durch das Zusammenspiel von Assimilation und Akkommodation entsteht ein neues Gleichgewicht. Die Wissensstrukturen werden zunehmend komplexer. Piaget bezeichnete die zugrunde liegenden Wissens- und Handlungsstrukturen als Schemata, die sich im Laufe der Entwicklung verändern – von einfachen sensumotorischen Handlungen bis zu abstrakten Denkprozessen. Piaget unterteilt die kognitive Entwicklung in vier verschiedene Stadien: das Sensumotorische Stadium, das Präoperationale Stadium, das Konkret-operationale Stadium und schließlich das Formal-operationale.[4]

Das Sensumotorische Stadium (0-2 Jahre)

In den ersten zwei Lebensjahren befinden sich Kinder im sensumotorischen Stadium, in dem sie vor allem durch Sinneswahrnehmung und Bewegung lernen. Nach Piaget werden in diesem Stadium die Grundlagen des Denkens gelegt. Aus den sensumotorischen Erfahrungen, die Säuglinge im direkten Kontakt mit ihrer Umwelt machen, entwickeln sich schrittweise geistige Prozesse. Die ersten Schemata entstehen durch Reflexe und deren Anpassung an verschiedene Situationen. So wird der Saugreflex zunächst an der Brust und später – leicht verändert – am Schnuller oder der Flasche ausgeführt. Dieses Anpassen beschreibt Piaget als ersten Lernprozess. Säuglinge wiederholen einfache Bewegungen immer wieder. Zunächst beziehen sie sich auf den eigenen Körper, später übertragen sie diese Handlungen auf ihre Umgebung. Allmählich erkennen Kinder Zusammenhänge zwischen Handlungen und Wirkungen. Sie beginnen, gezielt zu handeln, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen – zum Beispiel, wenn sie ein Spielzeug anschubsen, damit es sich bewegt. Bis etwa zum achten Monat sind Säuglinge noch an unmittelbare Sinneseindrücke gebunden. Ein Gegenstand „existiert“ für sie nur, solange sie ihn sehen können. Wird er verdeckt, gilt er als verschwunden. Erst später entwickeln Kinder eine innere Vorstellung davon, dass Dinge weiterhin existieren – Piaget nennt dies Objektpermanenz.

Mit wachsender Objektpermanenz beginnen Kinder, nach einem versteckten Gegenstand zu suchen. Anfangs gelingt das nur, wenn der Gegenstand am gleichen Ort bleibt. Wird er an einen neuen Platz gebracht, suchen sie oft noch am alten Versteck. Am Ende des sensumotorischen Stadiums können Kinder veränderte Verstecke nachvollziehen und gezielt nach einem Gegenstand suchen – selbst dann, wenn das Versteck mehrmals gewechselt wurde. Außerdem sind sie nun fähig, Handlungen nachzuahmen, auch wenn die beobachtete Person nicht mehr anwesend ist.[5]

Das Präoperationale Stadium (2-7 Jahre)

Die zweite Phase, das präoperationale Stadium, liegt zwischen zwei bis sieben Jahren. Das zentrale Merkmal dieser Phase ist, dass Kinder beginnen, Symbole zu verwenden. So kann eine Banane zum Beispiel als Haarbürste oder als Telefon dienen. Zudem fangen die Kinder an, zu sprechen.

Symbolisches Denken erlaubt es den Kindern, über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken – allerdings noch mit Einschränkungen. Zum Beispiel können sie Zusammenhänge herstellen, aber diese noch nicht geistig rückgängig machen. Das zeigt sich im sogenannten Umschütt-Versuch: Wenn die Flüssigkeit aus einem hohen, schmalen Glas in ein breiteres Gefäß umgefüllt wird, glauben Kinder, das breitere Glas enthalte mehr Wasser, obwohl sie das Umfüllen gesehen haben. Sie können das Umschütten also nicht geistig rückgängig machen, um zu erkennen, dass die Flüssigkeitsmenge gleichgeblieben ist. In der präoperationalen Phase fällt es Kindern noch schwer, mehrere Aspekte gleichzeitig zu erfassen. Sie erkennen etwa nicht, dass ihre Mama zugleich Tochter, Schwester und Tante sein kann, sondern sehen meist nur eine Eigenschaft.[6] In der präoperationalen Phase übertragen Kinder eigene Erfahrungen auf ihre Umwelt: Ein kleineres Kind sagt vielleicht „Das Auto schläft in der Garage“ oder nennt eine umgefallene Tasse „Tasse müde!“. Ein älteres Kind könnte sagen “Der Baum ist traurig, weil er keine Blätter hat.” Werden Dinge in dieser Form belebt, spricht man auch von animistischem Denken.[7]

Das Konkret-operationale Stadium (7-11 Jahre)

Im Alter von 7 bis 11 Jahren befinden sich Kinder im konkret-operationalen Stadium. In dieser Zeit können sie zunehmend kognitive Operationen durchführen. Mit Klick auf die drei Bilder erfahren Sie mehr dazu. In dieser Phase überwinden Kinder die Denkdefizite der vorherigen Entwicklungsstufe. Sie können nun kognitive Operationen durchführen, zum Beispiel mathematische Zusammenhänge verstehen (3 + 6 = 9) und umkehren (6 = 9 – 3). Kinder sind jetzt in der Lage, Mengen zu vergleichen, etwa ob sie mehr Äpfel oder Birnen sehen. Diese Fähigkeit fehlte ihnen noch in der präoperationalen Phase. Allerdings fällt ihnen der Transfer von Wissen auf abstrakte Situationen weiterhin schwer.[8]

Kinder können mehrere Aspekte einer Situation gleichzeitig erfassen und logisch miteinander verknüpfen. Zum Beispiel verstehen sie, dass sich die Menge Wasser nicht ändert, wenn es in ein anderes Gefäß umgefüllt wird. So entwickeln sie die Fähigkeit zu logischem Denken und Schlussfolgern.[9]

Das formal-operationale Stadium (ab 12 Jahren)

Ab etwa 12 Jahren beginnt das letzte Stadium der kognitiven Entwicklung. Kinder können jetzt nicht nur an konkrete Dinge denken, sondern auch abstrakt und hypothetisch – also über Dinge nachdenken, die nicht direkt vor ihnen sind oder vielleicht gar nicht passieren. Sie lernen, logisch zu überlegen, mit Gedanken zu spielen und verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren. Dabei entwickeln sie ein Bewusstsein für ihr eigenes Denken und können bewusst mit ihren Gedanken „experimentieren“. Dieses Denkstadium erreichen nicht alle Jugendlichen automatisch. Es hängt stark davon ab, wie sie gefördert werden und in welchem Umfeld sie aufwachsen.[10]

Weitere Theorien

Piaget hat mit seinen Forschungen einen enorm wichtigen Beitrag zur Entwicklungspsychologie geleistet, und seine Ansätze sind bis heute sehr einflussreich. Dennoch zeigen neuere Studien, dass Kinder viele kognitive Fähigkeiten oft schon früher entwickeln und weniger egozentrisch sind, als er vermutete. Kritisch wird außerdem angemerkt, dass Piaget in seiner Theorie die Rolle von Sprache sowie die emotionale und soziale Entwicklung zu wenig berücksichtigt hat. In Anlehnung und Abgrenzung zu Piaget haben sich andere Theorien entwickelt, die jedoch ebenfalls nur Teilaspekte der kindlichen Denkentwicklung beschreiben.

Die Informationsverarbeitungstheorie betrachtet Denken als das Verarbeiten von Informationen. Sie geht davon aus, dass sich die kognitive Entwicklung kontinuierlich und ohne feste Stufen vollzieht. Kinder sind von Anfang an fähig zu planen und Probleme zu lösen. Dabei entwickelt sich das Denken nicht qualitativ, sondern vor allem quantitativ, also durch zunehmende Schnelligkeit und Genauigkeit.

Theorien zur domänenspezifischen Entwicklung gehen davon aus, dass Kinder mit einem grundlegenden Kernwissen und speziellen Lernmechanismen auf die Welt kommen. Dabei verläuft der Wissenserwerb in verschiedenen Bereichen unterschiedlich. Besonders wichtig sind Bereiche, die in der Evolution eine große Rolle spielten, wie etwa das Verständnis von Kraft, Geschwindigkeit oder die Unterscheidung zwischen Lebendigem und Nichtlebendigem. Die domänenspezifische Forschung zeigt auch, dass Dreijährige bereits andere täuschen können – eine Fähigkeit, die Piaget für dieses Alter nicht annahm.

Die soziokulturelle Theorie betont die Bedeutung der sozialen und kulturellen Umgebung für die kognitive Entwicklung. Nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände, Werte und Traditionen beeinflussen das Denken. Kinder lernen vor allem durch Erklärungen, Anleitung und das Nachahmen – besonders durch Sprache. Denken wird hier als eine Form von verinnerlichtem Sprechen verstanden.[11]

Kognitive Entwicklung in der mittleren Kindheit

Manche Autoren sprechen von einem regelrechten Quantensprung, den Kinder zu Beginn des fünften Lebensjahres in kognitiver Hinsicht machen. Im Laufe des fünften Lebensjahres lernen Kinder, dass sich ihre Wahrnehmungen sowie ihre Empfindungen von denen anderer Menschen unterscheiden und werden dadurch immer kompetenter in ihrem kognitiven und sozial-kognitiven Handeln.

Auch das kausale Denken entwickelt sich in dieser Zeit enorm. Nicht nur erkennen Kinder, dass es Ursache und Wirkung gibt, sie können auch verstehen, dass nicht immer ganz klar ist, welche Ursache für eine Wirkung verantwortlich ist und dass sie Dinge entscheiden können. Außerdem sind sie von nun an in der Lage, Ableitungen zu treffen, zum Beispiel, dass eine kleine Glocke einen leisen Ton macht und eine große einen lauten.

Im sechsten und siebten Lebensjahr verändern sich die kognitiven Leistungen dahingehend, dass Kinder nun mit unterschiedlichen Strategien an Probleme herangehen können. Zum einen können sie sich einem Ziel Schritt für Schritt durch Versuch und Irrtum nähern, wobei sie nach einem Misserfolg ihr Handeln modifizieren, bis sie Erfolg haben. Zum anderen können sie bereits innerlich Probehandeln und die Strategie, die sie als am erfolgversprechendsten einschätzen, anwenden. Schließlich sind sie nun dazu in der Lage, Probleme durch Einsicht zu lösen, indem sie zum Beispiel Verbindungen zwischen dem aktuellen und bereits erlebten Problem herstellen oder Erfahrungen auf die Problemstellung übertragen.

Kinder im sechsten Lebensjahr können zunehmend analog denken, also Erfahrungen aus einer ähnlichen Situation auf eine neue Situation anwenden. Wissensbereiche rücken dadurch kognitiv näher zusammen und werden komplexer. In der Psychologie spricht man hierbei von Vernetzung und Integration. Im Laufe des sechsten Lebensjahres lernen Kinder die sogenannte Invarianz. Das bedeutet, sie verstehen, dass Dinge und Menschen gleichbleiben, auch wenn sie zum Beispiel ihr Aussehen verändert haben.[12]

Quellen:

[1] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 69ff

[2] Jovanovic, Bianca (2015): Kognitive Entwicklung. In: Schwarzer, Gudrun; Jovanovic, Bianca (Hrsg.): Entwicklungspsychologie der Kindheit. Kohlhammer: Stuttgart. S. 165-206. S. 165f

[3] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 69ff

[4] Jovanovic, Bianca (2015): Kognitive Entwicklung. In: Schwarzer, Gudrun; Jovanovic, Bianca (Hrsg.): Entwicklungspsychologie der Kindheit. Kohlhammer: Stuttgart. S. 165-206. S. 165f

[5] Ebd., S. 166f

[6] Ebd., S. 168

[7] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 74f

[8] Jovanovic, Bianca (2015): Kognitive Entwicklung. In: Schwarzer, Gudrun; Jovanovic, Bianca (Hrsg.): Entwicklungspsychologie der Kindheit. Kohlhammer: Stuttgart. S. 165-206. S. 168f

[9] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 76

[10] Ebd., S. 76

[11] Ebd., S. 77ff

[12] Kasten, Hartmut (2015): Entwicklungspsychologische Grundlagen der Kindergarten- und Vorschulzeit (4. – 6. Lebensjahr) – einige frühpädagogische Konsequenzen. URL: https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/user_upload/KiTaFT_Kasten_II_2015_2.pdf – (zuletzt aufgerufen am 17.02.2026). S. 8-19