Der Schuleintritt markiert einen wichtigen Übergang von der frühen zur mittleren Kindheit und setzt die Schulbereitschaft des Kindes voraus. Damit Kinder diesen neuen Lebensabschnitt gut bewältigen können, brauchen sie die entsprechenden motorischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Voraussetzungen, die sogenannte Schulbereitschaft oder auch Schulfähigkeit. Die Schulbereitschaft an sich, also die Voraussetzungen, die seitens des Kindes gegeben sein müssen, damit es die Schule besuchen kann, sind vielfältig und werden teilweise von Eltern, Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften unterschiedlich gewertet.

Wichtig ist, dass die Entscheidung nicht aus dem Bauch heraus getroffen wird, sondern die Schuleignung des Kindes anhand schuleingangsdiagnostischer Verfahren geprüft wird. Diese geben Aufschluss darüber, ob ein Kind dazu in der Lage ist, den Übergang gut zu meistern und ob ggf. auf bestimmte Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel eine kleine Klasse, Rücksicht genommen werden sollte, um den Schritt zu erleichtern.

Letztendlich muss also die Frage nicht einfach lauten, ob ein Kind schulbereit ist, sondern ob es bereit dafür ist, zum gegebenen Zeitpunkt den Übergang an eine bestimmte Schule mit den bestimmten Voraussetzungen und Fördermöglichkeiten zu meistern. Schulbereitschaft bezieht dabei neben den Entwicklungsvoraussetzungen des Kindes, auch das familiäre und schulische Umfeld sowie weitere Umgebungsfaktoren mit ein.

Einheitlich geregelt ist die schulärztliche Untersuchung, die je nach Bundesland zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfindet. In vielen Bundesländern wird zudem eine standardisierte Sprachstandfeststellung durchgeführt. Werden diese, sowie die schulärztliche Untersuchung und die allgemeinen Beobachtungen positiv bewertet, steht einer Einschulung in der Regel nichts mehr im Wege.[1]

Merkmale der Schulbereitschaft

Bis heute ist sich die Fachwelt nicht einig darüber, welche individuellen Merkmale eines Kindes über die Schulbereitschaft entscheiden und wie diese zu gewichten sind. Unumstritten ist die große Bedeutung der Sprachkompetenz, welche Rolle jedoch die kindliche Selbstregulationsfähigkeit einnimmt, wird sehr unterschiedlich bewertet und vor allem aus entwicklungspsychologischer Perspektive betont.

Gängig ist, zwischen bereichsübergreifenden und bereichsspezifischen Kompetenzen zu unterscheiden. Unter bereichsspezifischen Kompetenzen versteht man solche, die unmittelbar mit schulischen Anforderungen zu tun haben. Unter bereichsübergreifenden Kompetenzen versteht man solche, die allgemeinerer Natur sind. Als wesentliche bereichsspezifische Kompetenzen sind die sprachlichen Fähigkeiten und die mathematischen Fähigkeiten zu betrachten. Die besonders relevanten bereichsübergreifenden Kompetenzen sind soziale Fähigkeiten und die Fähigkeit zur Selbstregulation.

Ein wichtiger Aspekt bei der schulärztlichen Untersuchung ist die körperliche Entwicklung des Kindes. Hierbei werden grobmotorische und feinmotorische Fähigkeiten untersucht. Zur Grobmotorik zählt vor allem die Körperkoordination, die sich durch das Stehen auf einem Bein, Hüpfen und dem Entlanglaufen auf einer Linie zeigt. Zur Feinmotorik zählt die Auge-Hand-Koordination, die sich beim Stifthalten zeigt. Auch das Seh- und Hörvermögen werden untersucht. Defizite in den genannten Bereichen führen allerdings in der Regel nicht zur Rückstufung, sondern werden zum Anlass für spezifische Fördermaßnahmen genommen.[2]

Individuelle Kompetenzen für die Schulbereitschaft

Bei der Entscheidung über die Schulbereitschaft sind verschiedene individuelle Kompetenzen wichtig.

Sprachliche Kompetenzen

Die sprachlichen Kompetenzen eines Kindes sind eine wichtige Grundvoraussetzung für die Schulbereitschaft. Gute Kenntnisse der deutschen Unterrichtssprache sind die Grundlage dafür, dem Unterrichtsgeschehen folgen zu können. Sie werden dafür benötigt, um mit der Lehrkraft zu kommunizieren und mit Mitschülerinnen und Mitschülern im Austausch sein zu können.

Es ist empirisch gut belegt, dass die sprachlichen Kenntnisse von Vorschulkindern schon früh mit deren Wissensstand korrelieren, denn bereits in der Kindergartenzeit werden Lernanregungen oftmals sprachlich vermittelt. Defizite im Spracherwerb wirken sich auf den Erwerb der Schriftsprache, das Bewusstsein für die Klangeigenschaften der Sprache (phonologisches Bewusstsein) und das Bewusstsein für Buchstaben und Laute (literale Fähigkeiten) aus. Reicht das Sprachverständnis des Kindes nicht aus, um die Anregungen zu verstehen, entgeht ihm der Wissenszuwachs.

Auch Lerninhalte aus anderen Bereichen, zum Beispiel der Mathematik, können bei unzureichendem Sprachverständnis schwerer erlernt werden. Doch nicht nur bereichsspezifische Fähigkeiten sind von Defiziten in der Sprache beeinflusst, auch die sozialen Aspekte leiden. Kindern mit geringem Sprachverständnis fällt es schwer, soziale Kontakte zu knüpfen. Für die Schulbereitschaft ist entscheidend, dass das Kind über Sprachkompetenzen verfügt die ausreichen, um dem Unterricht zu folgen und sich mit Lehrkräften und Mitschülerinnen und Mitschülern auszutauschen. Es ist wichtig, dass das Kind über spezifische Sprachkompetenzen verfügt, die für den Schriftspracherwerb notwendig sind. Die sprachlichen Kompetenzen werden mit Hilfe unterschiedlicher Verfahren festgestellt. Hierzu gehört zum Beispiel das Sprachscreening für das Vorschulalter (SSV), das im Rahmen der Einschulungsdiagnostik genutzt wird.[3]

Mathematische Kompetenzen

Neben dem Lesen und Schreiben ist das Rechnen die wichtigste Kulturtechnik, die in der Schule vermittelt wird. Auch die frühen mathematischen Kompetenzen sind für den Schuleintritt entscheidend. Das Verständnis für Zahlen entwickelt sich schrittweise. Kinder werden mit einer Grundvorstellung von Mengen, das heißt, von „mehr“ oder „weniger“ geboren.  Erst später lernen sie, Zahlenreihen aufzusagen und noch später, Zahlen mit tatsächlichen Mengen zu verknüpfen. Schließlich verstehen sie auch, dass Mengen aus mehreren Anzahlen bestehen und wieder in diese zerlegt werden können.[4]

Sozial-emotionale Kompetenzen

Ein wichtiger Aspekt bei der Entscheidung über die Schulbereitschaft ist die sozial-emotionale Kompetenz eines Kindes. Dazu gehört, eigene Empfindungen und die Gefühle anderer Personen zu erkennen und zu benennen sowie empathische und prosoziale Verhaltensweisen zu zeigen. Negative und positive Emotionen sollten erkannt und angemessen reguliert werden können. Zu der Fähigkeit, sozial zu interagieren zählt auch, positive Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen, in der Peergruppe akzeptiert zu werden und sich als selbstwirksam zu erleben.

Außerdem setzt der Schulbesuch voraus, dass das Kind eine altersangemessene Frustrationstoleranz besitzt, um mit Konflikten oder Misserfolgen angemessen umgehen zu können. Kinder, die Defizite im sozialen Bereich aufweisen, haben ein erhöhtes Risiko, den Schulalltag nicht bewältigen zu können, von anderen Kindern abgelehnt zu werden und schließlich die Schule nicht mehr gerne besuchen zu wollen, was zu weiteren schulischen Defiziten führen kann. Ein Teufelskreis, der sich immer weiter fortsetzen kann.

Eine Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeigte, dass ca. 21% der Jungen und 14% der Mädchen im Vorschulalter Defizite bei sozial-emotionalen Kompetenzen aufweisen. Sie zeigen laut der Elterneinschätzung psychische Auffälligkeiten, wie emotionale Probleme, Probleme mit Gleichaltrigen, Verhaltensprobleme oder Hyperaktivität. Dass insbesondere Jungen betroffen sind, mag damit zu tun haben, dass sie allgemein mehr nach außen orientiert sind und eher aggressives oder störendes Verhalten zeigen als Mädchen, die eher nach innen gerichtete emotionale Probleme entwickeln.[5]

Motivationale Kompetenz

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Lernen ist die Motivation. Aus diesem Grund werden auch motivationale Aspekte bei der Beurteilung der Schulbereitschaft herangezogen. Motivation bedeutet, sich intensiv und anhaltend mit einer Sache zu beschäftigen, Lernbereitschaft zu zeigen, ein Ziel zu verfolgen, Ausdauer und Anstrengungsbereitschaft zu zeigen. Kinder, die in den ersten Schuljahren motivationale Probleme haben, benötigen Unterstützung. Ansätze der Verhaltenstherapie, die mit positiver Verstärkung arbeiten, haben sich hier als hilfreich erwiesen.

Lernerfolg ist eng mit Motivation verknüpft: Machen Kinder positive Lernerfahrungen, weil ihnen etwas gelingt, wirkt es sich positiv auf ihre Motivation aus. Andersherum kann früher Misserfolg zu Demotivation führen, die Bestätigung fehlt und die Lernmotivation sinkt weiter.[6]

Selbstregulation

Selbstregulation ermöglicht dem Kind, seine Aufmerksamkeit, sein Verhalten und seine Konzentration so zu steuern, dass es am Unterricht teilnehmen kann. Von der Selbstregulation ist abhängig, wie gut ein Kind seine Emotionen regulieren und seine Handlungsimpulse steuern kann, was sich auf das Sozialverhalten und das Arbeitsverhalten im Unterricht auswirkt.

Schließlich wird auch die Motivation durch Selbstregulation mitbestimmt, sodass insbesondere die internationale Forschung die Fähigkeit zur Selbstregulation zunehmend als die wichtigste Voraussetzung für die Schulbereitschaft bewertet. Unter die Fähigkeit zur Selbstregulation fällt, still sitzen zu können, sich zu konzentrieren, abwarten zu können, sich nicht ablenken zu lassen, Regeln einzuhalten und die eigenen Gefühle zu kontrollieren. Eine zentrale regulative Fähigkeit, die der Schulalltag von einem Kind erfordert, ist die Bereitschaft, eigene Bedürfnisse hintenan zu stellen und abwarten zu können. Grundschulkinder unterscheiden sich hinsichtlich dieser Fähigkeit erheblich untereinander.[7]

Quellen:

[1] Dubowy, Minja; Hasselhorn, Marcus (2024): Schulbereitschaft. Was Kinder für einen erfolgreichen Schulstart brauchen. W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart. S. 11-19

[2] Ebd., S. 39-42

[3] Ebd., S. 42-50, 85

[4] Ebd., S. 53f

[5] Ebd., S. 56f

[6] Ebd., S. 62-65

[7] Ebd., S. 65-73