Die Emotionsforschung kennt verschiedene Theorien, die jeweils eigene Schwerpunkte setzen. Ein evolutionsbiologischer Ansatz[1]   geht davon aus, dass Menschen von Geburt an bestimmte Basisemotionen besitzen – etwa Angst, Wut, Freude, Trauer, Vertrauen, Ekel, Überraschung und Neugier. Jede dieser Emotionen zeigt sich durch ein bestimmtes Gefühl, körperliche Reaktionen und typische Gesichtsausdrücke. Doch Emotionen eindeutig voneinander abzugrenzen, ist schwierig: Ein Lächeln kann Freude bedeuten, aber auch als Täuschung genutzt werden oder aufgrund sozialer Erwünschtheit gezeigt werden.

Ein anderer Ansatz betont die Bewertung einer Situation. Emotionen entstehen demnach, weil wir denken und einschätzen, ob etwas gut oder schlecht für uns ist. Ärger zum Beispiel entsteht, wenn wir ein Ziel verfolgen, aber auf ein Hindernis stoßen. Mit zunehmendem Alter lernen Kinder, ihre Gefühle zu regulieren – etwa sich selbst zu beruhigen, wenn sie Angst haben.[2]

Eine weitere Theorie legt den Fokus auf den Körper. Hier gilt: Wir spüren körperliche Reaktionen – und daraus entsteht das Gefühl. So kann bei einem Unfall erst der Adrenalinstoß kommen, bevor wir Angst empfinden. Gleichzeitig wirkt der Körper auch zurück: Wer lächelt, fühlt sich oft tatsächlich besser. Emotion und Körperreaktion stehen also in enger Wechselwirkung.[3]

Ein vierter Ansatz schließlich geht davon aus, dass Emotionen und ihre Regulation durch soziale Interaktion entstehen und Teil einer Kultur sind. Kinder lernen durch ihr Umfeld, welche Gefühle in bestimmten Situationen gezeigt oder besser verborgen werden. So entstehen sogar kulturspezifische Emotionen. Alle vier Theorien tragen dazu bei, zu verstehen, wie sich Emotionen entwickeln und verändern – und warum sie für unser Verhalten so wichtig sind.[4] Grundsätzlich unterscheidet man positive, negative und selbstreferenzielle bzw. selbst-bewusste Emotionen. Die Fähigkeit, eigene Gefühle so zu zeigen, dass andere sie verstehen und umgekehrt Emotionen bei anderen zu erkennen, ist eine zentrale Grundlage für gelingende Kommunikation.

Positive Emotionen

Freude entsteht meist in vertrauten oder genussvollen Momenten. Sie motiviert uns, das angenehme Erleben fortzusetzen und stärkt zugleich die Beziehung zu anderen. Säuglinge beginnen schon sehr früh zu lächeln, wodurch die soziale Beziehung gefördert wird. Dieses frühe Lächeln ist jedoch zunächst nicht sozial motiviert, sondern tritt auch außerhalb sozialer Situationen auf und beruht auf reflexhaften Reaktionen.

Ab etwa 6 bis 10 Wochen beginnen Säuglinge, gezielt auf Menschen zu reagieren. Sie lächeln nun vor allem Gesichter an – man spricht vom sozialen Lächeln. Anfangs machen sie dabei noch keinen Unterschied zwischen vertrauten und fremden Personen und erwidern fast jedes Lächeln. Erst im Alter von 7 bis 8 Monaten zeigen sie eine klare Bevorzugung vertrauter Gesichter und reagieren auf Fremde oft mit Skepsis oder Erschrecken.

Der Kontakt mit anderen Menschen löst bei Säuglingen häufig Freude aus. Ab etwa zwei Monaten freuen sie sich aber auch über andere Dinge. Etwa dann, wenn etwas so passiert, wie sie es erwarten, und sie merken: „Ich habe das bewirkt!“ Gegen Ende des ersten Lebensjahres und im zweiten Lebensjahr erleben Kinder besonders viel Freude, wenn sie andere durch ihr Verhalten zum Lachen bringen. Dies zeigt ihr Bedürfnis, positive Gefühle mit vertrauten Personen zu teilen.[5]

Negative Emotionen – Angst

Angst ist eine Reaktion auf wahrgenommene Bedrohung. Sie aktiviert Flucht- oder Vermeidungsverhalten, dient zugleich als Signal an andere, dass eine potenzielle Gefahr besteht und Unterstützung gebraucht wird. Angst hilft also, Gefahren zu erkennen und zu bewältigen. Wird sie jedoch zu häufig oder zu stark erlebt, kann sie langfristig psychische Probleme begünstigen.

Anhand des Zeitstrahls sehen Sie, wie sich Angst in den ersten Lebensjahren entwickelt.

0-7 Monate

In den ersten sieben Lebensmonaten ist es kaum möglich, Angst eindeutig von anderen negativen Emotionen wie Wut oder Unbehagen zu unterscheiden.

Ab 8 Monaten

Ab etwa acht Monaten zeigen Kinder erste deutliche Anzeichen von Angst – etwa beim Fremdeln oder bei Trennungsangst. Diese Phase ist besonders wichtig für die Bindungsentwicklung: Kinder suchen aktiv Nähe zu ihren Bezugspersonen und protestieren, wenn sie getrennt werden oder mit Fremden allein bleiben. Bestimmte Merkmale verstärken dabei die Angst – etwa Erwachsene mehr als Kinder, Männer mehr als Frauen oder ein neutraler Gesichtsausdruck stärker als ein Lächeln.

Ab 12 Monaten

Gegen Ende des ersten Lebensjahres orientieren sich Kinder stark am Gesichtsausdruck ihrer Bezugsperson. Lächelt diese ermutigend, trauen sie sich etwas zu; wirkt sie ängstlich, vermeiden sie Risiken.

2-4 Jahre

Zwischen zwei und vier Jahren können Kinder sich Dinge vorstellen, die gar nicht da sind. Da sie Fantasie und Realität noch nicht trennen können, entstehen typische Ängste: etwa vor Monstern unter dem Bett oder Hexen im Schrank.

5-7 Jahre

Mit fünf bis sieben Jahren verlieren Kinder diese Fantasieängste. Stattdessen treten Ängste vor realen Gefahren auf, zum Beispiel vor Gewittern, Verletzungen oder Unfällen. Im Laufe der Entwicklung verändern sich die Auslöser von Angst. Mit dem Schuleintritt nehmen vor allem soziale Ängste und Bewertungsängste zu. Auch das Verhalten von Erwachsenen spielt eine große Rolle. Sie können in Kindern Ängste auslösen, die lange nachwirken. Ängste können entstehen durch:

  • Drohungen („Wenn du nicht hörst, kommt die Polizei und holt dich ab.“)
  • Emotional aufgeladene Gespräche über Unfälle, Tod oder Krieg
  • Zu strenge oder ernste Erziehungsstile (Strafangst)
  • Überängstliches Verhalten von Bezugspersonen
  • Für die Kinder unerklärliches Verhalten von Bezugspersonen bei familiären Krisen (zum Beispiel bei Scheidung)

Negative Emotionen – Ärger

In Untersuchungen mit 4- bis 8-monatigen Säuglingen zeigte sich, dass schon sehr junge Kinder Ärger empfinden, wenn sie eine Situation nicht selbst beeinflussen können. Was bedeutet das? Ärger entsteht, wenn ein Kind daran gehindert wird, ein gewünschtes Ziel zu erreichen – zum Beispiel ein Spielzeug zu greifen oder eine Reaktion der Bezugsperson auszulösen. Dieses Gefühl hat eine wichtige Funktion: Es aktiviert das Kind, Hindernisse zu überwinden und sein Ziel doch noch zu erreichen.

Mit dem wachsenden Wunsch, Dinge selbst zu tun, nimmt im zweiten Lebensjahr auch das Auftreten von Ärger und Wut zu. Kinder in diesem Alter möchten zunehmend ihre Umwelt selbst kontrollieren und eigenständig handeln. Wenn ihnen das nicht gelingt oder Erwachsene eingreifen, kann das zu starken Gefühlsreaktionen führen. Typische Situationen sind alltägliche Routinen wie Anziehen, Waschen oder Baden – oder wenn Eltern helfen wollen, obwohl das Kind es „allein schaffen“ möchte. Manche Kinder zeigen ihren Ärger dann durch Beißen, Schlagen, Schubsen oder indem sie anderen etwas wegnehmen.

Ab etwa dem dritten Lebensjahr nehmen solche Wutausbrüche in der Regel deutlich ab. Kinder lernen zunehmend, ihre Gefühle zu benennen und mit Unterstützung der Bezugspersonen besser zu regulieren. Wenn Kinder frustriert sind, lernen sie, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen – etwa sich abzulenken oder Hilfe zu holen. Mit der Zeit entwickeln sie außerdem sogenannte selbstbezogene Emotionen wie Scham oder Stolz, die ihr Verhalten beeinflussen und helfen, starke negative Emotionen besser zu kontrollieren.[6]

Selbstreferentielle Emotionen

Selbstbezogene oder selbstbewusste Gefühle sind Emotionen, die sich auf das eigene Ich beziehen. Sie entstehen, wenn Kinder verstehen, dass andere Menschen sie wahrnehmen und beurteilen. Dazu gehören Gefühle wie Schuld, Scham, Stolz oder Eifersucht.

Diese Gefühle entwickeln sich erst, wenn Kinder sich selbst als eigenständige Person erkennen – also merken: „Das bin ich!“ Sie entstehen aus inneren Bewertungen („Ich habe etwas gut gemacht“ oder „Ich hätte das nicht tun sollen“) und bauen auf den grundlegenden Emotionen wie Freude, Angst oder Ärger auf. Im Alltag könnte das bedeuten, dass ein Kind ein Bild malt und es seinen Eltern zeigt. Wenn diese es loben, fühlt sich das Kind stolz. Sind die Eltern jedoch enttäuscht von seiner Leistung, kann es Scham oder Schuldgefühle empfinden.[7]

Quellen:

[1] Rothgang, Georg-Wilhelm; Bach, Johannes (2021): Entwicklungspsychologie. 4. Auflage. Verlag W. Kohlhammer: Stuttgart. S. 156ff

[2] Lohaus, Arnold; Vierhaus, Marc; Lemola, Sakari (2024): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 5. Auflage. Springer: Berlin. S. 186-189

[3] Rothgang, Georg-Wilhelm; Bach, Johannes (2021): Entwicklungspsychologie. 4. Auflage. Verlag W. Kohlhammer: Stuttgart. S. 156ff

[4] Lohaus, Arnold; Vierhaus, Marc; Lemola, Sakari (2024): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 5. Auflage. Springer: Berlin. S. 186-189

[5] Ebd., S. 190ff

[6] Ebd., S. 193f

[7] Ebd., S. 190ff