Kritisches Sozialverhalten kann sich ganz unterschiedlich äußern. Zum kritischen Sozialverhalten zählen beispielsweise das Verweigern von Aufforderungen, das Schlagen, Treten oder Beißen anderer Kinder, das Entreißen von Spielsachen, Schubsen oder Weglaufen. Ebenso gehören Verhaltensweisen dazu, bei denen Kinder sich nicht trauen mitzuspielen, sich sozial zurückziehen oder den Kontakt zu anderen meiden.
Alle Verhaltensweisen sind normal und können bei allen Kindern mal auftreten. Eine gezielte pädagogische Intervention ist allerdings dann erforderlich, wenn das Verhalten häufig auftritt und die sozialen Beziehungen zu anderen Kindern belastet. Verhaltensauffälligkeiten treten bei Kindern mit kognitiven Entwicklungsstörungen, Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung sowie blinden Kindern häufiger auf, als bei Kindern ohne Behinderungen – auch weil diese Kinder soziale Situationen häufig anders wahrnehmen und verarbeiten sowie besondere Unterstützung in den Bereichen Selbstregulation und Kommunikation benötigen.
Wichtig ist es, die kritischen Verhaltensweisen eines Kindes als Reaktion auf bestimmte soziale Anforderungen zu verstehen, mit denen das Kind überfordert ist. Nur selten sind diese Verhaltensweisen bereits im Kindergartenalter ein Hinweis auf eine psychische Erkrankung und treten meist nur situativ auf. Die „positive Verhaltensunterstützung“ kann dazu beitragen, kritisches Sozialverhalten zu verbessern. Bei diesem Ansatz wird davon ausgegangen, dass jedes Verhalten für das Kind eine Funktion hat und durch eine kommunikative Absicht oder ein Bedürfnis motiviert ist. Dementsprechend geht es darum, diese Funktionen zu verstehen und mit dem Kind alternative Verhaltensweisen und Fähigkeiten einzuüben.[1]
Funktion der kritischen Verhaltensweisen verstehen
Will man die Funktion einer kritischen Verhaltensweise verstehen, eignet es sich, in folgenden Schritten vorzugehen und die gemachten Beobachtungen möglichst genau zu notieren.
- Beurteilung der Häufigkeit des Problems: Wie oft und wann tritt das Verhalten auf?
- Beurteilung der Auftretenszusammenhänge: In welchen Zusammenhängen tritt das Verhalten auf? Hierbei spielen mehrere Aspekte eine Rolle:
- Auslöser: Welche Situation geht dem Verhalten unmittelbar voraus? (z. B. mangelnde Aufmerksamkeit durch die erwachsene Person oder Aufforderung).
- Wie ist der soziale Kontext? (z. B. viele Menschen im gleichen Raum, dem Kind ist gerade etwas nicht gelungen, es war gerade in ein Spiel vertieft oder ist müde).
- Kritisches Verhalten: Welches Verhalten zeigt das Kind?
- Soziale Reaktion: Welche Konsequenzen folgen unmittelbar auf das Verhalten? (z. B. das Kind darf weiterspielen, es bekommt Aufmerksamkeit, wird zwar ermahnt, aber schnell wieder abgelenkt ein anderes Kind weint, es hat das Spielzeug bekommen, das es wollte).
- Auf Grundlage dieser Aspekte wird eine Hypothese gebildet, welche Funktion das Verhalten hat. Hierbei kann es auch hilfreich sein, sich Ausnahmen zu notieren, also Situationen, in denen das Verhalten nicht beobachtet werden kann.
- Die Analyse kann ergeben …
… dass das Kind mit einer bestimmten Situation nicht zurechtkommt
… dass es bestimmte Ziele zu erreichen versucht
… dass es sich Aufforderungen entziehen möchte
Insbesondere der letzte Aspekt wird im Alltag häufig übersehen. Auch das Bedürfnis nach einer bestimmten Sinneserfahrung kann insbesondere bei Kindern mit Behinderung die Motivation für ein Verhalten sein. Das negative Verhalten kann sich verfestigen, wenn die Konsequenzen für das Kind keinen Nachteil bedeuten, sodass es hilfreicher sein kann, erwünschtes Verhalten positiv, also durch Belohnung, zu verstärken. Aus der Arbeitshypothese ergeben sich dann drei unterschiedliche Ansätze, das Verhalten zu beeinflussen.[2]
Beeinflussung des kritischen Sozialverhaltens
Hier stellen wir Ihnen drei Ansätze vor, mit denen kritisches Sozialverhalten beeinflusst werden kann.
- Veränderung der auslösenden Bedingungen: z. B.
- Erwartungen an das Kind anpassen
- Aufträge vereinfachen, sodass das Kind mehr Erfolgserlebnisse hat
- Dem Kind Wahlmöglichkeiten hinsichtlich des Spiels und der Spielpartnerin oder dem Spielpartner lassen
- Visuelle Hilfen, z. B. Bildkarten nutzen, damit das Kind den Auftrag besser versteht
- Mit einem Zeitgeber veranschaulichen, wie lange eine aktuelle Aktion noch andauert, damit sich das Kind auf deren Ende einstellen kann
- Förderung alternativer Kompetenzen: d. h.
- Mit dem Kind an der sozialen Fertigkeit arbeiten, die in den Situationen, in denen es bisher kritisches Verhalten zeigt, angemessen wären. Z. B. ein Kind nach einem Spielzeug zu fragen, statt es einfach wegzunehmen
- Dem Kind beibringen, eine erwachsene Person um Hilfe zu bitten, wenn es selbst nicht weiterkommt
- Bei Kindern mit schwerer Behinderung ist ein sehr häufiges Wiederholen und Üben nach dem immer gleichen Ablauf erforderlich
- Zur Förderung alternativer Kompetenzen gehört vor allem, dass das Kind angemessen Kontakt mit einem anderen Kind herstellen, sich an einem Spiel beteiligen oder selbst Spielvorschläge machen kann.
- Veränderung der sozialen Konsequenzen: d. h.
- Alles tun, damit das kritische Verhalten nicht mehr zum Ziel führt
- Jeden Ansatz der geübten neuen Fertigkeiten mit Lob, Zuwendung und anderen positiven Rückmeldungen verstärken
- Bei erwartbaren Situationen kann an die neue Verhaltensweise erinnert werden
Die Interventionen brauchen Zeit und müssen oft geübt werden. Kritisches Verhalten tritt vermutlich weiterhin auf und braucht klare Grenzen, lässt sich aber nur durch das Aufzeigen von Alternativen und Anleitung zu besserem Umgang mit Situationen verändern. Der Prozess kann sehr herausfordernd sein, weshalb externe Unterstützung durch Fachkräfte wie Sonderpädagoginnen- und pädagogen oder Psychologinnen und Psychologen hilfreich sein kann.[3]
Quellen:
[1] Vgl. Sarimski, Klaus (2021): Kinder mit Behinderungen in inklusiven Kindertagesstätten. 2. überarb. Aufl.. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart, S. 120-123.
[2] Vgl. Ebd., S. 123-128.
[3] Vgl. Ebd., S. 127-130.