Bindungsstörungen nach IDC-10
Nach der ICD-10 Klassifikation gehören Bindungsstörungen den gestörten sozialen Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend an, wobei ein Beginn in der Kindheit die Regel ist. Mit Klick auf das Buch lesen Sie die Definition. Man unterscheidet zwischen der reaktiven Bindungsstörung des Kindesalters und der Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung.
Die reaktive Bindungsstörung tritt in den ersten fünf Lebensjahren auf und zeigt sich in Furchtsamkeit, Übervorsichtigkeit, eingeschränkter Interaktion mit Gleichaltrigen, Aggressionen, die sich gegen sich selbst oder andere richten sowie Unglücklichsein. Auch Gedeih- und Wachstumsstörungen können auftreten.
Bei der Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung, die ebenfalls in den ersten fünf Lebensjahren entsteht, zeigen Kinder häufig ein diffuses und nicht auf bestimmte Bezugspersonen gerichtetes Bindungsverhalten. Sie suchen verstärkt Aufmerksamkeit, verhalten sich gegenüber fremden Menschen oft wahllos freundlich und zeigen kaum Unterschiede im Umgang mit vertrauten und unbekannten Personen. Darüber hinaus kann ein ausgeprägtes Anklammerungsverhalten beobachtet werden.[1]
Kinder mit Bindungsstörungen sind für Zuwendung und Fürsorge oft nur schwer erreichbar und das chronologische und psychologische Alter fallen meist weit auseinander. Auch sehr motivierte Pflegeeltern kann dies dazu bringen, dass sie an ihrer Erziehungskompetenz zweifeln, sich ohnmächtig fühlen und das Kind in Folge emotional ablehnen.[2]
Weitere Bindungsstörungen
Nach dem Psychiater Karl Heinz Brisch gibt es weitere Bindungsstörungen, die an Kindern beobachtet werden können, so aber nicht in der ICD-10 klassifiziert werden.
Kein Bindungsverhalten: Diese Kinder suchen auch in bedrohlichen Situationen keinen Kontakt zu Bindungspersonen und zeigen bei Trennung keinen Trennungsprotest.
Undifferenziertes Bindungsverhalten: Dieser Typ entspricht der ICD-10-Diagnose Bindungsstörung mit Enthemmung. Die betroffenen Kinder zeigen soziale Promiskuität und lassen sich in Stresssituationen wahllos von fremden Menschen trösten.
Undifferenziertes Bindungsverhalten mit Unfallrisikoverhalten: Kommen solche Kinder in Gefahrensituationen, suchen sie nicht eine Bindungsperson auf, sondern bringen sich in größere Unfallgefahr. In Anbetracht der Gefahr oder der tatsächlichen Verletzung, mobilisieren sie ihre Eltern angemessenes Fürsorgeverhalten zu zeigen.
Übermäßiges Klammern: Kinder im Vorschulalter sind bei diesem Typ nur in der unmittelbaren körperlichen Nähe zu ihren Bezugspersonen ruhig und zufrieden. Das führt dazu, dass sie in der Erkundung ihrer Umgebung stark eingeschränkt sind, sich sehr ängstlich zeigen und in der Regel keinen Kindergarten besuchen.
Gehemmtes Bindungsverhalten: Diese Kinder sind im Beisein ihrer Bindungsperson gehemmt und in Abwesenheit der Bindungsperson weniger ängstlich, als wenn sie dabei ist. In Obhut fremder Personen können sie ihre Umgebung oft besser erkunden.
Aggressives Bindungsverhalten: Kinder mit aggressivem Bindungsverhalten versuchen, eine Bindungsbeziehung durch verbale oder körperliche Aggression herzustellen. In der Regel erfahren sie Zurückweisung, da ihr Bindungswunsch nicht gesehen wird, und ein Teufelskreis entsteht.
Rollenumkehr: Dies ist bei Kindern der Fall, die sich aufgrund körperlicher oder seelischer Erkrankung ihrer Eltern um diese kümmern mussten. Die Ablösungsentwicklung der Kinder ist dadurch gehemmt und es besteht eine große emotionale Verunsicherung. In Gefahrensituationen wenden sich diese Kinder nicht an ihre Bezugsperson, weil von dort keine Hilfe zu erwarten ist.[3]
Quellen
[1] Vgl. Dilling, Horst; Freyberger, Harald J. (Hrsg.) (2019): Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. Nach dem Pocket Guide von J. E. Cooper. 9., aktualisierte Auflage entsprechend ICD-10-GM. Bern: Hogrefe Verlag., S. 331-334.
[2] Vgl. Föltz, Friedegard (2021): Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe. Perspektiven und Herausforderungen Sozialer Elternschaft. Beltz Juventa. Weinheim., S. 29.
[3] Vgl. Brisch, Karl Heinz (2008): Bindung und Umgang. In: Deutscher Familiengerichtstag (Hrsg.): „Siebzehnter Deutscher Familiengerichtstag vom 12. bis 15. September 2007 in Brühl“. (Brühler Schriften zum Familienrecht, Band 15). Verlag Gieseking Bielefeld. S. 89-135. URL: https://www.khbrisch.de/fileadmin/user_upload/bbt/artikel_bindung_umgang.pdf – (zuletzt aufgerufen am22.03.2026), S. 98f.