Kinder müssen erst lernen, ihre Gefühle zu beruhigen oder zu steuern. Das bezeichnet man als Emotionsregulation. Am Anfang brauchen sie dafür Hilfe von Erwachsenen – zum Beispiel, wenn sie sich erschrecken und jemand sie tröstet oder beruhigt. Das nennt man Interpsychische Regulation. Mit der Zeit lernen Kinder, sich selbst zu beruhigen – zum Beispiel tief durchzuatmen, sich abzulenken oder zu kuscheln, wenn sie traurig sind. Diese Fähigkeit entwickelt sich nach und nach und bleibt das ganze Leben lang wichtig. Man spricht dann von intrapsychischer Regulation.

Säuglingsalter/Erste Lebensmonate: Erste Schritte in der Emotionsregulation

Schon mit etwa zwei Monaten kann ein Kind seine Aufmerksamkeit bewusst lenken. Wird es ihm zu trubelig, kann es zum Beispiel den Blick abwenden und gezielt die Mutter anschauen. Zugleich kann es sich schon selbst beruhigen, indem es an seinen Fingern saugt/am Daumen lutscht. Das sind frühe Selbstberuhigungsstrategien, die aber nur bei leichter Unruhe funktionieren. Bei stärkeren Emotionen braucht das Kind meist noch die Hilfe einer vertrauten Person, die es dann zum Beispiel auf den Arm nimmt und beruhigt. Wenn Erwachsene prompt und feinfühlig reagieren, lernen Babys, Gefühle, deren Auslöser und Möglichkeiten zur Beruhigung miteinander zu verbinden. Ab etwa dem dritten bis sechsten Monat können sie dann aktiv die Nähe und Unterstützung ihrer Bezugsperson suchen.

Ab 12 Monaten: Wie Kinder durch Erwachsene lernen, auf Reize zu reagieren

Mit der fortschreitenden motorischen Entwicklung können sich Kinder immer gezielter Dingen zu- oder von Reizen abwenden. Dabei orientieren sie sich stark an ihren Bezugspersonen und übernehmen deren Bewertungen von Situationen. Eltern können den emotionalen Ausdruck ihres Kindes also aktiv beeinflussen: Wenn sich ein Kind zum Beispiel den Kopf stößt und zur Bezugsperson schaut, reagiert es unterschiedlich: lächelt oder beruhigt die erwachsene Person, bleibt das Kind meist gelassen; zeigt sie Sorge, wird das Kind eher weinen oder Angst zeigen.

Kleinkindalter: Über Gefühle sprechen hilft beim Verstehen

Ab etwa der Mitte des zweiten Lebensjahres führt die sprachliche Entwicklung dazu, dass Kinder immer mehr über ihre Gefühle und Erlebnisse sprechen. Wenn in der Familie häufig über Emotionen, deren Ursachen und Folgen gesprochen wird, lernen Kinder besser, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle zu verstehen.[1]

Vorschulalter: Von Hilfe durch andere zur Selbstregulation

Zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr wechseln Kinder deutlich von Hilfe durch andere zu Selbstregulation. Bis zum Schuleintritt können sie sich bei negativen Gefühlen wie Wut, Angst oder Ärger zunehmend selbst beruhigen. Kinder lernen gleichzeitig, Emotionen zu nutzen, um Ziele zu erreichen. Ein jüngeres Kind wird wütend, wenn ihm jemand sein Spielzeug wegnimmt. Ein älteres Kind kann stattdessen ein Ersatzspielzeug anbieten, um sein Ziel zu erreichen. In dieser Phase entwickeln Kinder auch die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben. Sie lernen Strategien, um warten zu können, zum Beispiel Ablenkung oder Selbstgespräche. So können sie ihr Verhalten besser kontrollieren. Kinder verstehen früh, dass aggressives Verhalten Folgen, wie Bestrafung, haben kann. Erst im Vorschulalter lernen sie jedoch, negative Folgen für sich und andere vorauszusehen und ihr Verhalten daran anzupassen.

Zudem können Kinder nun Gefühle verbergen: zum Beispiel nach außen Freude zeigen, auch wenn sie innerlich enttäuscht sind. Mit etwa fünf Jahren können sie fast alle Grundemotionen auf Aufforderung vorspielen. Erste Täuschungen treten bereits mit 2–3 Jahren auf, aber ab vier Jahren erkennen Kinder, dass sie andere bewusst in die Irre führen können. Auch in dieser Phase bleibt interpsychische Regulation wichtig: Kinder lernen durch das Vorbild Erwachsener, wie man mit Emotionen umgeht. Zeigt ein Vater etwa beim Autofahren Ärger, ist es wahrscheinlich, dass das Kind dieses Verhalten übernimmt.[2]

Schulalter: Gefühle über Gedanken und problemorientierte Strategien steuern

Im Schulalter erweitern Kinder ihre Fähigkeiten zur Emotionsregulation. Sie können nun kognitive Strategien einsetzen: Sie verstehen, dass Gedanken Gefühle steuern, und können eine Situation anders bewerten, um ihre Emotionen zu verändern. Kinder lernen außerdem zu erkennen, welche Aspekte einer Situation sie kontrollieren können. Ist die Situation beeinflussbar, nutzen sie problemorientierte Strategien; ist sie nicht kontrollierbar, wenden sie indirekte Strategien wie Ablenkung oder positive Aktivitäten an.

Beispiel: Ein Kind hat Angst vor Affen im Zoo.

  • Situationsselektion: Es geht einen anderen Weg, um den Affen zu meiden.
  • Situationsmodifikation: Es bittet eine Begleitperson, mitzukommen.
  • Aufmerksamkeitslenkung: Es schaut auf die Zebras, statt auf die Affen.
  • Bewertungsänderung: Es erinnert sich daran, dass Affen harmlos sind.
  • Reaktionsmodulation: Es spricht sich selbst Mut zu, um ruhig zu bleiben.[3]

Jugendalter: Mit Freundinnen reden oder ablenken?

Im Jugendalter differenzieren sich die kognitiven und problemorientierten Strategien zur Emotionsregulation weiter aus.  Gleichzeitig zeigen sich nun geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit negativen Gefühlen. Die Suche nach sozialer Unterstützung hatte bisher für beide Geschlechter eine große Bedeutung, wird aber im Jugendalter fast nur noch von Mädchen genutzt. Jungs hingegen weisen nun vermehrt vermeidende Strategien auf und sind in diesem Zusammenhang anfälliger für Drogen-, Alkohol- und Tabakkonsum, um Stress zu regulieren. Ein größer werdender Teil der Mädchen zeigt in der Jugend aggressives Verhalten, dennoch ist der Anteil der Mädchen, die internalisierendes Regulationsverhalten zeigen, also z. B. Depressionen und Ängste entwickeln oder sich sozial zurückziehen, deutlich größer.

Wichtige Aspekte, die eine gesunde emotionale Entwicklung unterstützen:

  • Ein positives Klima schaffen, in dem das Pflegekind seine Gefühle zeigen kann
  • Ausrechend emotionale Zuwendung geben
  • Geduldig und einfühlsam sein, wenn das Pflegekind ängstlich ist
  • Ermutigen und Anerkennung zeigen
  • Offen und tolerant mit Emotionen umgehen
  • Vorbild im eigenen Ausdruck von Emotionen sein[4]

Quellen:

[1] Lohaus, Arnold; Vierhaus, Marc; Lemola, Sakari (2024): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 5. Auflage. Springer: Berlin. S. 200f

[2] Ebd., S. 201-204

[3] Ebd., S. 204f

[4] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 99