Spielen erfüllt die ganze Persönlichkeit eines Kindes und ist eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes geistiges, körperliches und psychisches Wachstum, da alle Fähigkeiten eines Kindes im Spiel beansprucht werden. Damit ist das Spiel im Grunde das eigentliche Tätigkeitsfeld des Kindes und in seiner wesentlichen Bedeutung wissenschaftlich unumstritten.[1] 

Das Spiel zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es zweckfrei ist, sich das spielende Kind seine eigene Wirklichkeit erzeugt und dabei ganz im Hier und Jetzt ist. Das hat positive Auswirkungen auf die Entwicklung: Spielen fördert die Persönlichkeitsentwicklung, ermöglicht ein positives Erleben und ein erfolgreiches Handeln und trägt dazu bei, dass neue Fähigkeiten und Kenntnisse erworben werden. Das Kind entdeckt durch das Spielen seine Umgebung neu, entwickelt seine Fantasie und lernt ganz nebenbei, sich zu konzentrieren und beharrlich zu sein. Gleichzeitig kann das Spiel ein Ventil sein, um seelische Belastungen zu verarbeiten, indem bedrohliche Szenarien immer wieder gespielt werden.

Am Ende des ersten Lebensjahres spielen Kinder bereits sieben bis acht Stunden täglich, bis zum Schuleintritt sind es insgesamt ca. 16.000 Stunden, die ein Kind spielend verbracht hat. Dadurch, dass das Kind mit den umgebenden Dingen umgeht und sie verwandelt, schafft es sich selbst immer neue und interessante Reize. Dieser Wandel führt dazu, dass sich Spielziele schnell ändern können und von einem Moment auf den anderen andere Dinge wichtig oder unwichtig sind. Das kindliche Spiel ist somit auf jedem Niveau der kindlichen Entwicklung eine optimale Lebensform mit maximalen Entfaltungsmöglichkeiten.[2]

Funktionen des kindlichen Spiels

Das kindliche Spiel erfüllt mehrere Funktionen für die kindliche Entwicklung. Bitte ziehen Sie die Puzzleteile an die richtige Stelle, um die Funktionen kennenzulernen. Wenn Sie ein Puzzleteil nicht richtig platzieren, springt es automatisch zurück. Bitte bestätigen Sie anschließend mit OK.

  • Spielfreude: Spielfreude ist ein wesentlicher Aspekt des Spiels, dennoch können sich auch negative Emotionen zeigen, wenn ein Spielziel nicht erreicht wird oder mehrmals im Spiel verloren wird. Freud und Leid können dann, wie im wahren Leben, dicht beieinander liegen.
  • Wirklichkeit: Spielen ist für das Kind ein wirkliches Geschehen und somit eine wirkliche Erfahrung. Auf diese Weise fördert das Spielen die kindliche Erfahrung.
  • Aktivität und Freiwilligkeit: Beide Aspekte sind fundamentale Elemente der Persönlichkeitsentwicklung und Freiwilligkeit die Basis der individuellen Lebensgestaltung.
  • Spontanität: Die Fantasie des Kindes lässt das Spiel immer wieder spontan sein. Diese wird wiederum durch das Spielgeschehen beeinflusst und angeregt.
  • Fantasie: Durch die Fantasie des Kindes wird das Spiel zur Wirklichkeit. Das Spiel hat somit ein kreatives Potential für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung.
  • Unkalkulierbarkeit: Das Spiel ist für das Kind eine verbindliche Lebensform, der alle Alltagsverpflichtungen untergeordnet werden. Gleichzeitig kann das Spiel auch helfen, Alltagsaufgaben zu meistern.[3]

Voraussetzungen für das Spielen

Für das Kind hat das Spiel vor allem zwei Bedeutungen: Erstens, es erzeugt sein Erleben selbst, zweitens, es gestaltet seine eigene Wirklichkeit selbst, wodurch es zeitgleich die subjektive und objektive Seite des gleichen Vorgangs hervorbringt – es ist der Traktor, dessen Geräusche es macht und es fährt ihn. Damit sich das kindliche Spiel frei entfalten kann, muss ein geeigneter Spielraum vorhanden sein, der auch von den umgebenden Erwachsenen als ein solcher freigehalten werden sollte und einige Bedingungen aufweist.

  • Kinder benötigen freie Zeit, um spielen zu können
  • Für das Spielen wird Freiraum benötigt
  • Spielgegenständen müssen verfügbar sein
  • Es muss Orte geben, an denen Kinder ungestört spielen können
  • Erwachsenen sollten das kindliche Spiel akzeptieren
  • Die Dauer des kindlichen Spiels muss durch die Erwachsenen toleriert werden
  • Erwachsene Bezugspersonen sollten ein echtes Interesse an den Ergebnissen des Spiels zeigen
  • Die Spieltätigkeit sollte positiv bewertet werden
  • Erwachsene sollten sich zurückhalten und sich nicht ungefragt einmischen
  • Auf Wunsch des Kindes sollten Erwachsene Hilfestellung leisten

Der Spielraum erfordert bisweilen auch Erwachsene als direkte oder indirekte Spielpartner, die zeitgleich dafür verantwortlich sind, den Spielraum zur Verfügung zu stellen. Welche Wirkung das Spiel auf das einzelne Kind hat, hängt maßgeblich von der Qualität des zur Verfügung stehenden Spielraumes ab.

Eine wesentliche Voraussetzung für das kindliche Spiel ist das Empfinden von Geborgenheit. Kein Kind kann spielen, wenn es sich nicht geborgen, sondern bedroht oder psychisch sowie physisch unwohl fühlt. Um spielen zu können, muss das Kind sorglos und zufrieden sein, Vertrauen in die Gegenwart und Sicherheit erleben, denn weder ein Kind mit Bauchschmerzen noch ein verärgertes Kind spielt.[4]

Entwicklungsphasen des kindlichen Spiels

Das kindliche Spiel entwickelt sich, abhängig vom Alter des Kindes, in mehreren Phasen.

Das sensomotorische Spiel (1.-2. Lebensjahr)

Vom ersten bis zum zweiten Lebensjahr befinden sich Kinder in der Phase des sensomotorischen Spiels. Darunter versteht man das Greifen, Schlagen, Stoßen, Werfen und Schütteln von Gegenständen. Die allerersten, reflexhaften Bewegungen des Kindes werden von Tag zu Tag zielgerichteter. Im Sensomotorischen Spiel probieren Kinder aus Freude an der Bewegung an zufällig herbeigeführten Veränderungen bestimmte Dinge aus. Sie experimentieren mit ihrem eigenen Körper, den Sinnesorganen und ersten Lauten.

Später entwickeln sie Interesse an verschiedenen Gegenständen, die sie in ihr Spiel einbeziehen. Früher nannte man diese Form des Spiels Funktionsspiel, da die reine Freude am Tun, die „Funktionslust“ im Vordergrund steht. Auf diese Weise erkunden Kinder die Eigenschaften von Gegenständen. Am längsten bleibt die Funktionslust im Bewegungsspiel erhalten, denn bis zu Beginn des Schulalters haben Kinder Freude am Hüpfen, Springen, Rennen und Kriechen, ohne damit ein spezielles Ziel zu verfolgen. Geeignete Spielobjekte in diesem Alter sind: Rassel, Mobile, Greifspielzeug, Beißringe und Plüschtiere.

Symbol- und Fiktionsspiele (2.-4. Lebensjahr)

Mitte des zweiten Lebensjahres, wenn das Kind laufen und sprechen kann und seine Umwelt dadurch auf neue Weise erkunden kann, beginnen die Symbol- und Fiktionsspiele, die sich bis zum vierten Lebensjahr erstrecken. Gegenstände werden permanent verwandelt und das Kind wiederholt mit ihnen das, was es selbst erlebt: ein Bauklötzchen wird schlafen gelegt, eine Rassel bekommt etwas zu essen und eine Packung Taschentücher wird ein Auto. Während Kinder zunächst noch allein spielen, kann man ab etwa 2,5 Jahren ein erstes Geben und Nehmen sowie das Nachahmen zwischen den Kindern beobachten.

Rollenspiel (Vorschulalter)

Rollenspiel ist das häufigste und beliebteste Spiel im Vorschulalter, das in dem Moment, in dem Kinder in die Schule kommen, an Reiz verliert. Zunächst hantieren Kinder mit Puppen oder Teddybären und vollführen an ihnen Handlungen, die sie an erwachsenen Personen beobachten können. Der Inhalt des Rollenspiels ändert sich im Laufe der Entwicklung. Zunächst bezieht er sich auf die gegenständliche Tätigkeit des Menschen, dann auf die Beziehungen zwischen Menschen und schließlich auf die Regeln, die die Beziehungen zwischen Menschen gestalten.

Bedeutung und Funktion des Rollenspiels:

  • Das Rollenspiel ist wichtig für die Sozialisation. Es bildet sich ein soziales Bewusstsein, indem das Kind zum Beispiel Normen zu begreifen versucht.
  • Im Rollenspiel lernt das Kind, seine vorhandenen Grenzen zu überschreiten und seine Wünsche in spielerischer Form zu realisieren.
  • Durch Rollenspiele wird das Kind zum Sprechen ermuntert und erweitert auf dieses Weise seinen Wortschatz. Außerdem tritt es in Kontakt mit anderen Kindern.
  • Das Kind übt seine Fantasie und Kreativität im Rollenspiel.

Das Rollenspiel bildet eine Brücke zur Realität und ermöglicht so dem Kind, Erfahrungen zu verarbeiten, indem es sie reproduziert. Dadurch können angstbesetzte Situationen, wie zum Beispiel eine Operation, verarbeitet werden, indem sie immer wieder gespielt werden.[5]

Das Konstruktionsspiel (5.-12. Lebensjahr)

Diese Phase des Konstruktionsspiels erstreckt sich vom vierten bis zum 12. Lebensjahr, wobei mit zunehmendem Alter der Wettbewerbsaspekt hinzutritt, also der Wunsch, größer, schöner, stabiler zu bauen. Das Konstruktionsspiel ist dadurch gekennzeichnet, dass es einen Plan gibt, das Werk im Vorfeld benannt wird, der Plan durchgeführt und das Werk an charakteristischen Merkmalen zu erkennen ist. In diesem Sinne ist es ein wichtiger Entwicklungsschritt, wenn das Kind im Vorfeld sagt, was es vorhat zu bauen, da es ein Schritt zum zielgerichteten, bewussten Handeln ist.

Regelspiele

Auch Regelspiele sind im Alter zwischen dem vierten und 12. Lebensjahr interessant und bringen wichtige Lernerfahrungen für das Kind mit sich. Zu Regelspielen gehören Brett- und Kartenspiele, sowie Bewegungsspiele und sportliche Spiele. Entscheidend ist, dass es sehr klare Regeln und Spielaufgaben gibt, die entweder von außen gesetzt sind (zum Beispiel bei Gesellschaftsspielen), oder von den Kindern mitgebracht und mit anderen Kindern angeglichen werden, damit das gemeinsame Spiel funktioniert.

Jedes Regelspiel hat zwei Aspekte: Den Wettbewerb und das Wechselspiel mit Partnerin oder Partner. Diese Spielform erfordert, dass das Kind seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen, Regeln anerkennen und sich konzentrieren kann. Zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr kann das Kind komplexere Regeln, wie zum Beispiel beim Schach, anerkennen und respektieren. Das Kind lernt dabei, sein Verhalten gemäß den Regeln zu steuern und gelangt zugleich zu einer realistischen Selbsteinschätzung, indem es seinen Erfolg mit anderen Kindern vergleicht.[6]

 

Quellen:

[1] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 143

[2] Mogel, Hans (2008): Psychologie des Kinderspiels. Von den frühesten Spielen bis zum Computerspiel. Die Bedeutung des Spiels als Lebensform des Kindes, seine Funktion und Wirksamkeit für die kindliche Entwicklung 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Springer Medizin Verlag: Heidelberg. S. 5f, 11

[3] Ebd., S. 30

[4] Ebd., S. 11-13, 15

[5] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 145-152

[6] Ebd., S. 145-152