Soziale Entwicklung bedeutet, dass Kinder lernen, Beziehungen aufzubauen, zu pflegen und ihr Verhalten mit den Erwartungen und Bedingungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in Übereinkunft zu bringen. Dazu gehören Dinge wie Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Kooperation, Konfliktlösung und der Umgang mit Regeln.[1]

Schon direkt nach der Geburt läuft ein automatisches Programm ab, das dafür sorgt, dass Babys Bindungen zu ihren wichtigsten Bezugspersonen aufbauen. Dabei spielen beide Seiten eine Rolle – das Bindungsverhalten des Kindes und das Fürsorgeverhalten der Erwachsenen. Etwa zwei Drittel aller Kinder entwickeln eine sichere Bindung. Diese Kinder wirken meist selbstbewusst, sozial aktiv, finden leicht Freunde und nehmen unter Gleichaltrigen oft eine Führungsposition ein.

Mütter und Väter übernehmen bei der Bindungsentwicklung oft unterschiedliche Rollen: Die Mutter-Kind-Bindung ist meist stärker von Nähe und Feinfühligkeit geprägt, während Väter ihre Kinder oft beim Erkunden der Welt unterstützen. Beide Bindungen sind gleich wichtig und unabhängig vom Geschlecht.[2] Etwa ab eineinhalb Jahren entdecken Kinder sich selbst als handelnde Person. Sie merken: „Ich kann etwas bewirken!“ Wenn etwas nicht funktioniert, reagieren sie frustriert.

Rund um den dritten Geburtstag beginnt dann die sogenannte Trotz[3]– oder auch Autonomiephase.[4] Das Kind erkennt „Ich will“ – und möchte diesen neuen Willen auch ausprobieren. In dieser Phase reagiert es schnell mit Widerstand, wenn Erwachsene etwas unterbrechen oder verbieten. Wichtig ist, wie Eltern darauf reagieren: Wer geduldig bleibt, klare Grenzen setzt und trotzdem Freiräume lässt, hilft dem Kind, sein eigenes Ich zu entwickeln.

Hilfreich sind dabei einfache Dinge: Veränderungen und Unterbrechungen des Spiels rechtzeitig ankündigen, nicht zu viel verbieten und bei Kleinigkeiten auch mal nachgeben – bei Gefährlichem aber konsequent bleiben. So lernen Kinder Schritt für Schritt, sich selbst und andere besser zu verstehen und das ist die Grundlage für gesunde soziale Entwicklung.[5] Die Eltern spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des Sozialverhaltens. Mit zunehmendem Alter der Kinder werden aber auch Gleichaltrige immer wichtiger.

Beziehungen zu Gleichaltrigen

Schon im Alter von etwa sechs bis acht Monaten nehmen Kinder ersten Kontakt zu Gleichaltrigen auf – diese Begegnungen sind jedoch kurz und noch wenig geregelt. Ab etwa drei Jahren beginnen sie, gemeinsam zu spielen, und entwickeln später Freundschaften, deren Bedeutung mit dem Alter wächst. Im Zusammensein mit Gleichaltrigen sammeln Kinder Erfahrungen, die sie mit Erwachsenen nicht machen können. Unter Freunden geht es um Gleichberechtigung, gemeinsames Handeln und darum, ein gutes Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen zu finden. Der Wunsch, mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen, führt nicht automatisch zu Freundschaft – und das kann leicht zu Konflikten führen. Im Unterschied zu den Eltern müssen Kinder sich bei Gleichaltrigen stärker bemühen, Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Wenn das gelingt, erfüllen Freundschaften mehrere wichtige Funktionen:

  • Sie bieten Unterstützung bei Problemen und neuen Herausforderungen,
  • tragen zum Wohlbefinden bei,
  • helfen, das eigene Selbstbild durch den Vergleich mit anderen zu entwickeln,
  • und fördern den Umgang mit Beziehungen und Konflikten.[6]

Freundschaften und prosoziales Verhalten

Freundschaften sind enge, auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehungen – sie unterscheiden sich von bloßer Beliebtheit unter Gleichaltrigen. Besonders in den ersten Grundschuljahren verändern sie sich stark. Der Psychologe Robert Selman beschreibt dazu verschiedene Entwicklungsstufen von Freundschaften:

  • Stufe 0 – drei bis acht Jahre: Freundschaften entstehen im Moment und sind auf das gegenwärtige gemeinsame Spiel ausgerichtet.
  • Stufe 1 – fünf bis neun Jahre: Im Zentrum steht Hilfestellung, wer mir hilft, ist mein Freund.
  • Stufe 2 – sieben bis zwölf Jahre: „Schönwetterkooperation“, Freundschaften sind wechselseitig und unterstützend, brechen aber schnell.
  • Stufe 3 – zehn bis 15 Jahre: Freundschaften sind emotional eng und wechselseitig, die auch über Konflikte hinaus bestehen bleiben. Eifersucht und Besitzergreifung können Thema sein.
  • Stufe 4 – ab zwölf Jahren: Autonomie und Abhängigkeit spielen eine Rolle, Konflikte werden im Gespräch gelöst. [7]

Freundschaften zwischen Gleichaltrigen können laut Längsschnittstudien positive und negative Langezeitfolgen haben. So führen sie zu besseren akademischen Leistungen, weniger psychischen Auffälligkeiten und einem höheren Selbstwertgefühl. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, sich anderen gegenüber prosozial zu verhalten.[8]

Prosoziales Verhalten, also Mitgefühl zeigen, helfen, trösten oder Rücksicht nehmen, ist ein zentraler Teil der sozialen Entwicklung. Schon 18 Monate alte Kinder können anderen beim Erreichen eines Ziels helfen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist Konfliktfähigkeit: eigene Interessen vertreten, Rücksicht nehmen, Emotionen regulieren, Kompromisse finden oder auch bewusst nachgeben, zum Beispiel bei der Frage, wer zuerst rutschen darf. Studien konnten zeigen, dass Prosoziales Verhalten keine einzelne Fähigkeit ist, sondern aus verschiedenen, unabhängig erlernten Verhaltensweisen besteht: Objekte anbieten, helfen, trösten, wiedergutmachen oder Zuneigung zeigen. Bereits ab acht Monaten können Kinder einem anderen Kind ein Spielobjekt anbieten. Trösten und andere Formen prosozialen Verhaltens entwickeln sich später, insgesamt bis etwa 16 Monate.[9]

Perspektivübernahme

Eine wichtige Voraussetzung für soziales Denken und Verhalten ist die Fähigkeit zur Perspektivübernahme, also Gefühle, Absichten und Bedürfnisse anderer Personen zu erkennen und einzuschätzen. Die Fähigkeit zur Perspektivübernahme lässt sich in mehrere Phasen einteilen, die aufeinander aufbauen.

Unter 4 Jahren: Einfache Rollenübernahme – Kinder erkennen, dass andere Menschen andere Gefühle und Wünsche haben.

Ab 4 Jahren: Perspektivübernahme erster Ordnung – Kinder verstehen, dass andere eine andere Sicht haben und können einfache Handlungen vorhersagen.

6–7 Jahre: Perspektivübernahme zweiter Ordnung – Kinder können überlegen, was eine Person über eine andere denkt.

Ab 10 Jahren: Wechselseitige Perspektivübernahme – Kinder können ihre eigene Sicht mit der anderer vergleichen und die Perspektive einer dritten Person einbeziehen.

Ab 12 Jahren: Gruppenperspektive – Kinder können die Perspektive einer Person übernehmen und mit der Auffassung einer Gruppe vergleichen.

Die Perspektivübernahme gilt als zentrale Fähigkeit der sozial-kognitiven Entwicklung. Zwischen 3,5 und 5 Jahren zeigen Kinder zunehmend Verständnis für das Denken und Fühlen anderer, unterstützt durch wachsende sprachliche Fähigkeiten. Prosoziale Aktivitäten nehmen zwischen dem 3. und 7. Lebensjahr stetig zu: Jüngere Kinder passen sich eher an, ältere trösten und schützen andere. Geschlechtliche Unterschiede zeigen sich, teils wegen eines leichten Entwicklungsvorsprungs der Mädchen: Rund 60 % der prosozialen Handlungen stammen von Mädchen, die unterstützen, teilen und trösten; Jungen verteidigen und schützen eher andere Kinder. Beide Geschlechter zeigen stärkere Hilfe für Gleichgeschlechtliche.[10]

Soziometrischer Status

Der Soziometrische Status zeigt, wie Kinder in ihrer Gruppe wahrgenommen werden und wie gut sie soziale Beziehungen gestalten können. Schon in Vorschulgruppen erkennt man eine Dominanzhierarchie, aber auch das Ausmaß sozialer Geschicklichkeit, also die Fähigkeit, Interaktionen von Geben und Nehmen auszugleichen. Diese Geschicklichkeit hängt eng damit zusammen, wie sehr ein Kind von seinen Gleichaltrigen gemocht wird.

Man unterscheidet fünf Gruppen:

  • Beliebte Kinder: Kooperativ, freundlich, können gut Kontakte knüpfen und aufrechterhalten.
  • Aggressiv-abgelehnte Kinder: Zeigen feindliches oder störendes Verhalten.
  • Verschlossen-abgelehnte Kinder: Sozial zurückgezogen, schüchtern oder ängstlich.
  • Ignorierte Kinder: Werden kaum beachtet, interagieren wenig.
  • Kontroverse Kinder: Rufen sowohl positive als auch negative Reaktionen hervor; können kooperativ, aber auch aggressiv sein.[11]

Abgelehnte Kinder behalten ihren Status oft lange. Das hängt vermutlich  mit deren häufig aggressivem Verhalten zusammen. 40-50% der abgelehnten Kinder verhalten sich aggressiv und nur manche von ihnen, die über ansonsten positiv bewertete Eigenschaften verfügen, wie z. B. sportliche Fähigkeiten, gehören der kontroversen Gruppe an. Weitere 10-20% der abgelehnten Kinder zeigen sich schüchtern und ängstlich, was jedoch vor allem bei Jungs und weniger bei Mädchen zu Ablehnung führt.

Die Stabilität des Status hängt auch von den sozialen Erfahrungen ab: Beliebte Kinder erhalten positives und negatives Feedback und lernen daraus. Abgelehnte Kinder erhalten kaum positives Feedback und können daher weniger Lernerfahrungen machen, was langfristige Folgen haben kann. Abgelehnte Kinder haben ein höheres Risiko für Depressionen, Angst, Einsamkeit, oppositionelles Verhalten oder schulische Nachteile.[12]

Soziales Lernen in der mittleren Kindheit

Die soziale Entwicklung erlebt in der Schulzeit einen Höhepunkt. Lange Zeit nahm man an, dass die Entwicklung im (Grund)Schulalter eine Art Ruhepause einlegt, weil sich in dieser Phase das körperliche Wachstum und die sozial-emotionale Entwicklung verlangsamen. Das hatte zur Folge, dass zu diesem Altersbereich weniger geforscht wurde. Tatsächlich aber ist es so, dass der Schuleintritt einige Veränderungen mit sich bringt. Während sich die meisten Kinder nach dem Wochenende wieder auf die Schule freuen, können sich manche Kinder nur schwer von ihren Eltern trennen.

Mit dem Schuleintritt werden Leistungsanforderungen gestellt und Erfolg oder Misserfolg entscheiden darüber, ob ein Kind sein Selbstwertgefühl stärkt oder Minderwertigkeitsgefühle entwickelt. Zeitgleich gibt es unzählige Möglichkeiten, sich mit anderen Kindern zu vergleichen, was die Frage „Wer bin ich?“ aufwirft, die nun immer differenzierter und realistischer beantwortet wird.

Soziales Lernen im Spiel

In Bezug auf die motorische Entwicklung ist auffällig, dass Kinder im Grundschulalter rund um den Globus eine Phase haben, in der sie wild spielen, sich jagen und balgen und alles mit lautem Schreien und Lachen begleiten. Sozial lernen die Kinder bei dieser Art des Spielens sehr viel, zum Beispiel, dass es möglich ist, einen scheinbaren Angreifer anzurempeln oder gar zu schlagen und ihm gleichzeitig durch Gestik und Mimik zu signalisieren, dass alles im Spiel geschieht. Für diese Art von Spielen bevorzugen Kinder engere Freunde, da diese die Gewähr bieten, dass die Scheinangriffe richtig verstanden werden.

Körperliche Geschicklichkeit und die Entwicklung des Selbstwertgefühls hängen eng zusammen. Hat ein Kind keine ausreichenden Möglichkeiten, sich körperlich aktiv zu betätigen und seine Geschicklichkeit dadurch zu trainieren oder nutzt es diese nicht, kann es schnell passieren, dass es von anderen Kindern als plump und ungeschickt angesehen wird und darauf mit sozialem Rückzug reagiert. Das wiederum eröffnet mitunter einen Teufelskreis. Anderseits erfahren geschickte Kinder schon früh, dass sie für ihr Können Anerkennung erhalten. Körperliches Aussehen und Fähigkeiten erleben Kinder somit schon sehr früh als entscheidende Aspekte für die Anerkennung von anderen und als prägend für den eigenen Selbstwert.[13]

Komplexe soziale Zusammenhänge

Sechsjährige Kinder können bereits unterscheiden, ob ihr Gegenüber absichtlich, zufällig oder aus Versehen gehandelt hat. Sie verstehen immer komplexere soziale Zusammenhänge und erkennen zum Beispiel auch, wenn jemand aus Höflichkeit nicht das sagt, was er eigentlich meint.[14]

Durchschnittlich mit sechs Jahren verstehen Kinder, dass Missgeschicke passieren können, im Alter von acht Jahren sind sie dazu in der Lage, einen Witz mit Pointe zu erzählen. Erst gegen Ende der mittleren Kindheit, im Alter von zehn bis zwölf Jahren, können Kinder schließlich erkennen, wenn eine Aussage ironisch gemeint ist. Das ist auch dann der Fall, wenn es sich um humorvolle Aussagen von Bezugspersonen handelt.[15]

Quellen:

[1] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 85

[2] Lohaus, Arnold; Vierhaus, Marc; Lemola, Sakari (2024): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 5. Auflage. Springer: Berlin. S. 266-272

[3] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 93ff

[4] Elsner, Birgit; Pauen, Sabina (2018): Vorgeburtliche Entwicklung und früheste Kindheit (0-2 Jahre). In: Schneider, Wolfgang; Lindenberger, Ulman (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 8., überarb. Auflage. Beltz: Weinheim. S. 163-189. S. 187.

[5] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 93ff

[6] Lohaus, Arnold; Vierhaus, Marc; Lemola, Sakari (2024): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 5. Auflage. Springer: Berlin. S. 278f

[7] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 89f

[8] Lohaus, Arnold; Vierhaus, Marc; Lemola, Sakari (2024): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 5. Auflage. Springer: Berlin. S. 279ff

[9] Simoni, Heidi; Herren, Judith; Kappeler, Silvana & Licht, Batya (2016): Frühe soziale Kompetenz unter Kindern. In: Malti, Tina Perren, Sonja (Hrsg.): Soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen Entwicklungsprozesse und Förderungsmöglichkeiten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart. S. 15-35. S. 16-27

[10] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe.  0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 90-93

[11] Lohaus, Arnold; Vierhaus, Marc; Lemola, Sakari (2024): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 5. Auflage. Springer: Berlin. S. 280

[12] Kienbaum, Jutta; Schuhrke, Bettina; Ebersbach, Mirjam (2023): Entwicklungspsychologie der Kindheit. Von der Geburt bis zum 12. Lebensjahr. 3. aktualisierte Auflage. W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart. S. 141f

[13] Mietzel, Gerd (2002): Wege in die Entwicklungspsychologie. Kindheit und Jugend. URL: https://www.beltz.de/fileadmin/beltz/leseproben/9783621274777.pdf – (zuletzt aufgerufen am 29.9.2025). S. 293ff

[14] Kasten, Hartmut (2015): Entwicklungspsychologische Grundlagen der Kindergarten- und Vorschulzeit (4. – 6. Lebensjahr) – einige frühpädagogische Konsequenzen. URL: https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/user_upload/KiTaFT_Kasten_II_2015_2.pdf – (zuletzt aufgerufen am 29.9.2025). S. 20

[15] Jenni, Oskar (2021): Die kindliche Entwicklung verstehen. Praxiswissen über Phasen und Störungen. Springer. Berlin. S. 336