Im Jahr 2018 lebten in Deutschland rund 134.000 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren mit Beeinträchtigungen oder chronischen Erkrankungen. Davon waren 8,4% in stationären Wohnformen untergebracht. Die Unterbringung von Kindern mit Behinderung in Pflegefamilien stellt bislang eher die Ausnahme als die Regel dar und ist rechtlich nicht durchgängig einheitlich geregelt. In Pflegefamilien leben insbesondere Kinder mit einer (drohenden) seelischen Behinderung nach § 35a SGB VIII, jedoch sind dort auch Kinder mit anderen Formen von Behinderungen vertreten. Uneinheitlich geregelt ist momentan noch, welche Stelle für die Unterbringung von Kindern mit Behinderung in Pflegefamilien zuständig ist. Bei Pflegekindern mit (drohender) seelischer Behinderung ist es die Kinder- und Jugendhilfe, ansonsten die Eingliederungshilfe. Ein weiteres Kriterium ist der Intelligenzquotient. Liegt dieser über 70, ist die Kinder- und Jugendhilfe zuständig, liegt er darunter, die Eingliederungshilfe.[1]
Mit dem Gesetz zur Ausgestaltung der Inklusiven Kinder- und Jugendhilfe (Kinder- und Jugendhilfeinklusionsgesetz – IKJHG) sollen ab 2028 alle Zuständigkeiten im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe und damit im SGB VIII liegen.[2] Laut der UN-Behindertenrechtskonvention Artikel 23 verpflichten sich alle Vertragsstaaten, für Kinder mit Behinderung, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, eine Möglichkeit zu schaffen, in einem familiären Umfeld groß zu werden. Welche Voraussetzung eine Pflegefamilie für ein bestimmtes Kind aufweisen sollte, sollte vor der Vermittlung mit allen Beteiligten, einschließlich Ärztinnen und Ärzten sowie Psychologinnen und Psychologen abgestimmt werden.[3]
Motivation und Auswirkungen
Es gibt nur wenige Untersuchungen, die sich mit den Erfahrungen von Pflegeeltern von Kindern mit Behinderung beschäftigen. Die Motivation, ein Pflegekind mit Behinderung aufzunehmen, ist laut der Untersuchungen jedoch vielfältig. Oftmals haben die Pflegeeltern bereits vor der Aufnahme im beruflichen oder privaten Umfeld Erfahrungen mit Kindern mit Behinderung gesammelt.
Doch nicht nur die Motivation der Familie ist entscheidend, sondern auch das Bewusstsein dafür, wie groß die Veränderungen im familiären Alltag durch ein Pflegekind mit Behinderung sein können. Dass die Herausforderungen den Pflegeeltern bekannt sind, trägt dazu bei, deren Belastung zu reduzieren und einer Kindeswohlgefährdung vorzubeugen. Unter bestimmten Voraussetzungen gibt es die Möglichkeit, Entlastungsstunden zu beantragen oder eine Einzelfallhilfe zu installieren, die das Pflegekind stundenweise einzeln betreut und individuell fördert.[4]
Es gibt jedoch auch die Pflegeeltern, die zuvor keinen Kontakt zu beeinträchtigten Menschen hatten und ein Pflegekind aufgenommen haben, bei welchem erst im Nachhinein eine Behinderung festgestellt wurde. Diese Diagnose wird häufig zunächst als Schock erlebt. Mit ihr können Gefühle von Verunsicherung, Überforderung, Trauer oder Zukunftssorgen verbunden sein. Pflegeeltern sehen sich oft mit der Aufgabe konfrontiert, ihre bisherigen Vorstellungen und Erwartungen an die Entwicklung des Kindes neu auszurichten.[5]
Drei Umgangsformen
Wie gut Pflegeeltern die besonderen Anforderungen bewältigen können, die mit der Aufnahme eines Kindes mit Behinderung verbunden sind, hängt wesentlich davon ab, wie umfassend sie vorab informiert und nach der Aufnahme fachlich begleitet werden. In einer Studie mit insgesamt 19 Pflegemüttern und Pflegevätern konnten drei verschiedene Umgangsformen herausgearbeitet werden: Der handlungsgeleitete Umgang, der ressourcengeleitete Umgang und der reflexive Umgang.[6]
Pflegeeltern mit einem handlungsgeleiteten Umgang empfinden das Pflegekind als unbedingt zugehörig zur Familie. Nur auf Nachfrage geben sie an, dass es sich um ein Pflegekind handelt, und sprechen ansonsten von ihrem Kind. Pflegeeltern, die handlungsgeleitet sind, fühlen sich selbstwirksam und autonom, verfügen jedoch über wenige Ressourcen, ausgenommen einer religiösen Ausrichtung, die inneren Halt gibt. Die Organisation von Betreuungsmöglichkeiten und der Kontakt mit Behörden wird als anstrengend empfunden und bringt oft nicht den gewünschten Erfolg.
Pflegeeltern mit einem ressourcenorientierten Umgang identifizieren sich stark mit ihrem Pflegekind. Sie suchen aktiv nach Unterstützung und nutzen vorhandene Ressourcen, um belastende Situationen zu bewältigen. Dabei können sie auf ein breites Unterstützungsnetzwerk zurückgreifen, das Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, andere Pflegeeltern, Behörden, Therapeutinnen und Therapeuten sowie weitere Hilfsangebote umfasst. Auch eine religiöse Orientierung, eine an die Bedürfnisse des Kindes angepasste Wohnumgebung und gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Urlaube können wichtige Ressourcen darstellen.
Pflegeeltern mit einem reflexionsgeleiteten Umgang identifizieren sich sehr stark mit ihrem Pflegekind und achten besonders auf dessen Rechte und individuelle Persönlichkeit. Sie können schwierige und ungewisse Situationen gut aushalten und begegnen den Herausforderungen einer Behinderung meist mit großer Gelassenheit. Sie erleben sich selbst als Gestaltende, indem sie bisherige Gewohnheiten und Rahmenbedingungen aktiv anpassen. Obwohl sie über zahlreiche Ressourcen verfügen, setzen sie diese gezielt, sparsam und wirkungsvoll ein.[7]
Quellen
[1] Vgl. Köpcke, Jessica Lilli (2021): Pflegekinder mit Behinderung in der Gesellschaft. In: Köpcke, Jessica Lilli (Hrsg.): Pflegekinder mit Behinderung. Beltz Juventa. Weinheim. S. 11-17., S. 13ff.
[2] Vgl. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): Gesetz zur Ausgestaltung der Inklusiven Kinder- und Jugendhilfe (Kinder- und Jugendhilfeinklusionsgesetz – IKJHG). URL: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/ministerium/gesetze/gesetz-zur-ausgestaltung-der-inklusiven-kinder-und-jugendhilfe-kinder-und-jugendhilfeinklusionsgesetz-ikjhg–245652 (zuletzt aufgerufen am 09.04.2026).
[3] Vgl. Köpcke, Jessica Lilli (2021): Pflegekinder mit Behinderung in der Gesellschaft. In: Köpcke, Jessica Lilli (Hrsg.): Pflegekinder mit Behinderung. Beltz Juventa. Weinheim. S. 11-17., S. 11f.
[4] Vgl. Knoop, Marie-Louise; Windus, Liza (2021): Pflegefamilien als Chance der Einbindung von Kindern mit Behinderung in die Gesellschaft. In: Köpcke, Jessica Lilli (Hrsg.): Pflegekinder mit Behinderung. Beltz Juventa. Weinheim. S. 36-49., S. 37ff.
[5] Vgl. Brandt, Jana-Aline; Goldschmit, Laura; Ott, Alina; Steinicke, Marcel (2021): Die Stellung und Wahrnehmung der Pflegeeltern im familiären Umfeld, im Freundeskreis und der Gesellschaft. In: Köpcke, Jessica Lilli (Hrsg.): Pflegekinder mit Behinderung. Beltz Juventa. Weinheim. S. 50-72., S. 55.
[6] Vgl. Föltz, Friedegard (2021): Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe. Perspektiven und Herausforderungen Sozialer Elternschaft. Beltz Juventa. Weinheim., S. 76, 81.
[7] Vgl. Ebd., S. 177-178.