Geschwister von Pflegekindern mit Behinderung sind in einer besonderen Situation. Die Auswirkungen einer Behinderung im Geschwisterkontext können können sowohl positiv als auch negativ sein. Für manche Geschwister ist das Aufwachsen mit einem Kind mit Behinderung eine Chance: Sie entwickeln oft ein hohes Maß an Empathie, soziale Kompetenz, Selbstbewusstsein und praktische Lebensfähigkeit. Für andere kann diese Situation jedoch auch eine dauerhafte Belastung sein.[1]
Im normalen Geschwisterverhältnis spielen Konkurrenz, Abgrenzung und das Ringen um Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle. Ist jedoch ein Kind mit Behinderung Teil der Familie, verschieben sich diese Dynamiken. Konflikte können schwerer ausgetragen werden, und Eltern reagieren oft besonders sensibel auf Ablehnung oder Wut gegenüber dem Kind mit Behinderung. Manche Geschwister entwickeln daraus den Anspruch, immer verständnisvoll und „lieb“ sein zu müssen. Gleichzeitig stellen viele ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Die dadurch entstehende unterdrückte Wut bleibt oft unsichtbar und kann auch dazu führen, dass Spontanität, Humor und Leichtigkeit verloren gehen.
Entgegen einer häufigen Annahme führt die Situation nicht automatisch zu Dankbarkeit gegenüber der eigenen Gesundheit. Manche Kinder entwickeln sogar Schuldgefühle, etwa wenn sie gute Leistungen in der Schule erbringen und glauben, damit das Geschwisterkind zu überstrahlen. Geschwister von Kindern mit Behinderung machen früh Erfahrungen mit Einschränkungen, Verantwortung und auch mit Ausgrenzung. Sie erleben, dass ihr Familienalltag nicht der Norm entspricht, und sind mit möglichen Reaktionen aus dem Umfeld konfrontiert. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern offen über die Behinderung sprechen und die Erfahrungen der Geschwister aktiv begleiten.[2]
Was Pflegeeltern tun können
Pflegeeltern, die ein Kind mit Behinderung aufgenommen haben, können andere Kinder in der Familie auf unterschiedliche Weise unterstützen. Viele Eltern sind der Überzeugung, dass sie alle Kinder gleich behandeln sollten und wollen und halten dies auch für wichtig. Tatsächlich aber ist es so, dass Kinder in all ihrer Unterschiedlichkeit auch unterschiedliche Dinge brauchen. Es ist also richtig und gerecht, Kinder unterschiedlich zu behandeln und das geschieht natürlich auch in Familien mit Kindern mit Behinderung – allerdings meist zu Lasten des gesunden Kindes. Das sollten Pflegeeltern im Bewusstsein haben.
Kinder, die erleben, dass das Geschwisterkind mit Behinderung immer an erster Stelle steht, die Eltern zum Beispiel für die Begleitung von Klinikaufenthalten oftmals nicht da sind und sie selbst kaum Aufmerksamkeit bekommen, können sich wünschen, an Stelle des Kindes mit Behinderung zu sein. Das sollte von Eltern keinesfalls als Undankbarkeit bewertet werden. Es kann passieren, dass Kinder Ängste entwickeln, ebenfalls einmal von Behinderung betroffen oder schwer krank zu werden. Deshalb ist es wichtig, mit den Geschwisterkindern über die Behinderung und die Hintergründe, die zu der Behinderung geführt haben, zu sprechen.
Entscheidend ist, wie die Eltern mit der Behinderung des Kindes umgehen. Wenn sie alles als kompliziert und schwierig darstellen, hat das eine andere Wirkung, als wenn sie dem Geschwisterkind vermitteln, dass das Zusammenleben mit einem Menschen mit Behinderung durchaus schöne Seiten hat und man zusammen alles schaffen kann. Manchmal kann es auch gut sein, mal ein paar Tage oder ein Wochenende allein mit dem Kind ohne Behinderung zu verbringen und dafür die Unterstützung von Familie und Freunden in Anspruch zu nehmen.
Wichtig ist es, den Geschwisterkindern ohne Behinderung die Bürde zu nehmen, sich um das Geschwisterkind mit Behinderung kümmern zu müssen, zum Beispiel wenn die Eltern es mal nicht mehr können. Das Geschwisterkind sollte sich frei entfalten und entscheiden dürfen. Es sollte nicht das Gefühl haben, das eigene Leben für die Eltern oder das Kind mit Behinderung zurückstellen zu müssen – wenn es zum Beispiel in einer anderen Stadt studieren oder ein Auslandsjahr machen möchte.[3]
Quellen
[1] Vgl. Möller, Birgit; Gude, Marlies; Herrmann, Jessy; Schepper, Florian (2016): Geschwister chronisch kranker und behinderter Kinder im Fokus. Ein familienorientiertes Beratungskonzept. Vandenhoeck&Ruprecht. Göttingen., S. 70.
[2] Vgl. Achilles, Ilse (2023): Die Situation er Geschwister – „Wir behandeln alle unsere Kinder gleich“. Von solchen und anderen Irrtümern in Familien mit behinderten oder chronisch kranken Kindern. In: Wilken, Udo; Jeltsch-Schudel, Barbara (Hrsg.): Elternarbeit und Behinderung Partizipation– Kooperation– Inklusion. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart. S. 43-53., S. 43, 46ff.
[3] Vgl. Ebd., S. 43f, 48-51