Die Phase ab der Zeugung bis zur Geburt bezeichnet man für das Kind als Gestationszeit und wird mit 40 Wochen berechnet. Im Falle einer Frühgeburt ist es entwicklungspsychologisch sinnvoll, die fehlende Gestationszeit von den 40 Wochen abzuziehen. Das bedeutet, dass beispielsweise ein acht Wochen zu früh geborener Säugling im Alter von 12 Monaten aus entwicklungspsychologischer Sicht erst 10 Monat alt ist.
Neue biotechnische Verfahren können zeigen, dass das Kind bereits in den letzten Wochen vor der Geburt wahrnehmend und lernend an seiner Umwelt teilnimmt. In aller Regel entwickeln werdende Mütter ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft einen positiven Bezug zu ihrem Kind. Starke psychische Belastungen, wie Ablehnung der Schwangerschaft durch das Umfeld, Tod des Partners oder das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu sein, können sich jedoch beeinträchtigend auf die Entwicklung des Fötus auswirken.
Die physische und psychische Entwicklung des Embryos und Fötus wird neben genetischen Faktoren auch durch Krankheiten der Mutter, Medikamentenkonsum und individuellen Lebensstil, wie Rauchen, Drogen- und Alkoholkonsum oder Fehlernährung beeinflusst. Im ersten Schwangerschaftsdrittel führen diese Einflüsse hauptsächlich zu organischen Fehlentwicklungen, anschließend beeinträchtigen sie vor allem die Sauerstoffaufnahmen und Ernährung des Fötus und somit seine Gehirnentwicklung und Aktivität.
Die Geburt bedeutet für Atmung, Kreislauf, Ernährung, Verdauung und Wärmeregulierung des Kindes einen wichtigen Einschnitt, auf den Frühgeborene viel schlechter vorbereitet sind als termingeborene Kinder. Motorik, Sinnesorgane und Koordination entwickeln sich in der Regel wie bei reifen Neugeborenen, die Fähigkeit zur visuellen Unterscheidung und Orientierung kann sich sogar schneller ausbilden, weil diese Sinnesorgane bereits einige Wochen vor der Geburt funktionsbereit sind und nun früher als bei reifen Neugeborenen Reize empfangen.
Frühgeburt
In anderen Bereichen weisen zu früh geborene Kinder aber häufig noch längere Zeit Defizite auf. Hierzu gehören:
- Erregungskontrolle, das heißt sie lassen sich schwerer beruhigen
- Informationsverarbeitung und Integration, das heißt sie haben eine höhere Reizschwelle und benötigen länger, um eine Information als „vertraut“ abzuspeichern
- Komplexe kognitive Leistungen, das heißt der Beginn der Sprachentwicklung ist meist verzögert
- Motorische Kraft und Koordination, das heißt der Beginn des Laufen Lernens ist meist verzögert
Gerade bei Säuglingen ist Körperkontakt sehr wichtig. Bemerkenswert ist, dass insbesondere der intensive Körperkontakt zwischen dem zu früh geborenen Säugling und seinen Bezugspersonen bessere Auswirkungen auf die Entwicklung hat als apparative medizinische Versorgung. Kinder, die viel Körperkontakt haben, zeigen eine bessere Sauerstoffversorgung, nehmen schneller zu und können früher aus dem Krankenhaus entlassen werden.
Viele Kinder zeigen jedoch auch darüber hinaus eine höhere Verwundbarkeit bei Belastungen. Diese kann bei sozialen Problemen im Elternhaus zunehmen, während ein feinfühliger und sorgsamer Umgang der Eltern sie auch ausgleichen kann.[1]
Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf die Schwangerschaft
Verschiedene Umwelteinflüsse können die Entwicklung des Fötus in der Schwangerschaft beeinflussen und schädigen. Hierzu gehören vor allem Alkohol- und Nikotinkonsum der Mutter, Medikamente, Umweltgifte wie zum Beispiel Pestizide oder Chemikalien, aber auch die psychische Verfassung der Mutter.[2]
- Alkoholkonsum kann zu schwerwiegenden Folgen führen. Diese erstrecken die sich von einem verringerten Wachstum des Embryos, über Fehlbildungen im Gesicht, wie zum Beispiel eine schmalere Oberlippe, eine flache und verkürzte Nase und tiefsitzende Ohren, bis hin zu Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und geistiger Behinderung erstrecken. Hierbei spricht man von einem Fetalen Alkoholsyndrom (FASD). Mehr dazu erfahren Sie in Modul 6.
- Rauchen während der Schwangerschaft, kann zu einem verlangsamten Wachstum, einem erhöhten Risiko des plötzlichen Kindstods, einer erhöhten Gefahr einer Frühgeburt und späterer Aufmerksamkeitshyperaktivitätsstörung (ADHS) führen.
- Ein prominentes Beispiel für die Wirkung bestimmter Medikamente ist die Schädigung der ungeborenen Kinder in den 60er Jahren durch Contergan, doch auch andere Medikamente können zu Fehlentwicklungen führen.
- Krankheitserreger können die Entwicklung des Embryos ebenfalls negativ beeinflussen. So kann zum Beispiel eine Rötelninfektion der Mutter beim Kind zu Blindheit, Gehörlosigkeit und geistiger Behinderung führen.
- Leidet die Mutter in der Schwangerschaft unter großem psychischem Stress, können eine Unterversorgung des Embryos, ein geringeres Geburtsgewicht, spätere Hyperaktivität, Schlaf- und Essstörungen die Folge sein.[3]
[1] Rauh, Hellgard (2008): Vorgeburtliche Entwicklung und frühe Kindheit. URL: https://www.researchgate.net/publication/285735679_Vorgeburtliche_Entwicklung_und_Fruhe_Kindheit – (zuletzt aufgerufen am 22.9.2025). S. 149-155.
[2] Elsner, Birgit; Pauen, Sabina (2018): Vorgeburtliche Entwicklung und früheste Kindheit (0-2 Jahre). In: Schneider, Wolfgang; Lindenberger, Ulman (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 8., überarb. Auflage. Beltz: Weinheim. S. 163-189. S. 165f.
[3] Metzinger, Adalbert (2024): Entwicklungspsychologie kompakt für sozialpädagogische Berufe. 0–11 Jahre. 6. Auflage. Westermann: Köln. S. 36f.