Seit dem Aufkommen moderner Medien, angefangen mit Film und Fernsehen bis hin zu digitalen Lern Apps wird diskutiert, inwieweit Kinder durch diese Medien lernen können und ob sie das dort erworbene Wissen auch auf andere Lebensbereiche übertragen können. Erwiesen ist, dass frühes Lernen in soziale Interaktion eingebettet sein muss. Wenn die soziale Interaktion fehlt und nur visuelle Reize zur Verfügung stehen, entfalten diese ihre Wirkung im Moment, bilden jedoch keine dauerhafte Gedächtnisspur im Gehirn.
Bücher
Bilderbücher fördern das Sprachlernen von Kleinkindern, da sie viele Gesprächs- und Interaktionsmöglichkeiten bieten. Studien zeigen, dass Kinder, die Präpositionen mithilfe von Geschichten und Bildern lernen, das Gelernte besser auf reale Situationen übertragen können als umgekehrt. Das gemeinsame Lesen beginnt meist mit Konzeptbüchern, die einzelne Gegenstände zeigen. Kinder lernen dabei, auf Bilder zu zeigen, Bücher richtig zu halten und zu blättern. Später folgen Geschichtenbücher, in denen sie Zusammenhänge zwischen Bildern, Handlungen und Figuren erkennen – eine Grundlage für späteres Erzählen.
Vorlesen schafft eine vorhersehbare, gemeinsame Handlung und wirkt sich langfristig positiv auf die Sprach- und Schulentwicklung aus. Die Häufigkeit und die Art und Weise, wie das gemeinsame Lesen gestaltet wird, spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Besonders effektiv ist das dialogische Lesen, bei dem Erwachsene Fragen stellen und Kinder aktiv sprachlich mitwirken.
Fernsehen
Während die positive Wirkung von Büchern auf den Spracherwerb vielfach gesichert ist, gilt das nicht für Fernsehsendungen, selbst wenn sie speziell für Kinder konzipiert wurden. Keine oder sogar nachteilige Auswirkungen auf die Sprachentwicklung wurden vor allem für jüngere Kinder nachgewiesen. Grundsätzlich lernen Kinder stets besser, wenn sie in eine reale Interaktion eingebunden sind. Insbesondere Verben werden kaum aus Fernsehsendungen gelernt, weil die tatsächliche Handlung fehlt, um sie verständlich zu machen. Erst ab dem dritten Geburtstag können Kinder diesen Übertrag leisten und Verben auch aus Fernsehsendungen übernehmen.
Negativ wirkt sich das Fernsehen vor allem dadurch aus, weil in der Zeit keine Interaktion stattfindet und auch keine anderen Dinge gelernt werden, die für die kognitive, motorische oder soziale Entwicklung wichtig sind. Bei Säuglingen scheint dies sogar den Spracherwerb zu verzögern. Bei Kindern unter 12 Monaten konnten Studien zeigen, dass zwei Stunden Fernsehen am Tag die Wahrscheinlichkeit einer Sprachentwicklungsverzögerung versechsfachen können Von sich aus favorisieren kleine Kinder die direkte Interaktion mit anderen Menschen. Läuft ein Fernseher im Hintergrund, wird diese immer wieder unterbrochen, da Bezugspersonen mit einem Teil ihrer Aufmerksamkeit bei der Sendung sind und auch Kinder immer wieder durch das Gerät abgelenkt sind. Deshalb wird dem Hintergrundfernsehen ein negativer Einfluss auf die kognitive Entwicklung und der Sprache zugeschrieben.[1]
Auch wenn die Wirkung von Fernsehen vor allem davon abhängt, wie hoch der Fernsehkonsum des Kindes ist, kann selbst der beste Film konkrete Erfahrungen nicht ersetzen. Ein Medienverbot allein reicht dabei jedoch kaum aus. Es ist an den Eltern, Räume zum Spielen mit anderen Kindern oder in der Natur zu schaffen oder das Kind in die eigenen Tätigkeiten miteinzubeziehen.
Sollten Eltern sich dennoch dazu entscheiden, ihr Kind fernsehen zu lassen, sollten sie darauf achten, dass der Film kindgerecht ist, den Film beim ersten Mal zusammen mit dem Kind schauen und auf dessen Reaktionen achten sowie den Film mit anderen Kindern anschauen lassen, mit welchen das Kind darüber sprechen und das Gesehene nachspielen kann.[2]
Apps
Kinder kommen heute im Durchschnitt schon mit vier Monaten mit elektronischen Medien in Kontakt, oft durch Apps, die speziell für Säuglinge beworben werden. Studien zeigen, dass digitale Medien theoretisch den Spracherwerb unterstützen könnten – insbesondere Wortlern-Apps für Kinder mit bereits größerem Wortschatz. Diese Ergebnisse beruhen jedoch auf speziell entwickelten Test-Apps, nicht auf kommerziellen Produkten.
Kinder lernen neue Wörter besser aus Bilderbüchern als von Tablets. Erst ab etwa zwei Jahren gelingt ihnen der Transfer vom Bildschirm auf reale Situationen. Auch die Smartphonenutzung von Bezugspersonen kann das Lernen beeinträchtigen: Wird eine Interaktion – etwa durch einen Anruf – unterbrochen, behalten Kinder neue Wörter nicht. Ungeteilte Aufmerksamkeit und direkte Ansprache sind daher entscheidend für den Spracherwerb.[3]
Quellen:
[1] Rohlfing, Katharina J. (2019): Frühe Sprachentwicklung. Narr Francke Attempto Verlag: Tübingen. S. 315-319.
[2] Largo, Remo H. (2024): Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. 7. Auflage. Piper: München. S. 347f.
[3] Rohlfing, Katharina J. (2019): Frühe Sprachentwicklung. Narr Francke Attempto Verlag: Tübingen. S. 315-319.