Pflegeeltern, die ein Pflegekind mit Behinderung aufgenommen haben, verfügen über spezifische Belastungen und Ressourcen.
Kinder mit Behinderung bringen Entwicklungsverzögerungen in unterschiedlichen Bereichen mit. Von Pflegeeltern erfordert das besonders viel Aufmerksamkeit und Anpassungsbereitschaft. Ebenfalls eine große Herausforderung kann die Wechselwirkung zwischen Behinderung und Bindungsstörungen sein. Oftmals bilden sich neben der Behinderung psychiatrische Störungsbilder heraus, wie aggressives oder destruktives Verhalten, Unruhe, Ängste und impulsive Reaktionen. Meist sind diese Verhaltensweisen nicht klar als behinderungsspezifische Symptome oder Persönlichkeitseigenschaften zu klassifizieren. Die hohen Anforderungen im Alltag können Pflegeeltern stark belasten und das Risiko für Erschöpfung oder ein Burn-out-Syndrom erhöhen. Spätestens dann wird es notwendig, Rollen und Aufgaben neu zu gestalten und Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen.
Die Belastungen von Pflegeeltern ergeben sich dabei meist nicht aus der Pflegschaft selbst, sondern aus den besonderen Anforderungen, die mit der Behinderung des Kindes verbunden sind. Wie belastend diese erlebt werden, hängt wesentlich von den vorhandenen Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten der Pflegefamilie ab.[1]
Belastungen von Pflegeeltern
Im Rahmen einer Studie wurden 87 Pflegefamilien befragt, in denen insgesamt 182 Pflegekinder mit Behinderung leben oder gelebt haben. Dabei wurden die besonderen Belastungen und Ressourcen der Pflegeeltern untersucht. Neben den Herausforderungen, die viele Pflegeeltern erleben, berichteten Pflegeeltern von Kindern mit Behinderung über zusätzliche Belastungen. Diese lassen sich in persönliche Belastungen, Belastungen im direkten Lebensumfeld sowie Belastungen durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen unterteilen.
Persönliche Belastungen
Als Belastung werden die negativen Gefühle und Emotionen erlebt, mit denen Pflegeeltern konfrontiert sind. Z. B. Ängste bezüglich der Behinderung oder Erkrankung des Pflegekindes, insbesondere dann, wenn das Pflegekind aufgrund seiner Erkrankung eine verkürzte Lebenserwartung hat. Besonders belastend ist in diesem Zusammenhang, wenn die Erkrankung tatsächlich krisenhaft verläuft oder das Pflegekind sogar verstirbt. Auch körperliche Belastungen, z. B. durch viele durchwachte Nächte und unzureichenden Schlaf, können Pflegeeltern viel Kraft kosten. Leben noch weitere Kinder in der Familie, erleben Pflegeeltern die Sorge, dass die eigenen leiblichen Kinder zu großen Belastungen ausgesetzt sein könnten. Pflegeeltern fallen in ihrer Rolle und insbesondere mit Pflegekindern mit Behinderung auf. Sie kommen sich häufig als Einzelkämpfer vor und fühlen sich nirgendwo so richtig zugehörig. Die Unübersichtlichkeit an Therapiemöglichkeiten und die endlosen Themen, die mit einer Behinderung oder Erkrankung in Zusammenhang stehen können, können Pflegeeltern als Belastung empfinden.[2]
Belastungen aus dem direkten Lebensumfeld
Auch im Alltag wirken sich die spezifischen Behinderungen des Pflegekindes aus und die Familien stoßen immer wieder auf unüberwindbare Hindernisse wie fehlende Rampen, kaputte Aufzüge oder ungeeignete Sanitäranlagen. Nicht selten fehlt in der erweiterten Familie Verständnis dafür, dass die Pflegeeltern ein Kind mit Behinderung aufgenommen haben. Wenn Pflegeeltern über ihre Belastungen sprechen, stoßen sie im Freundes- und Bekanntenkreis häufig auf wenig Verständnis. Nicht selten hören sie dann, dass sie sich diese Situation schließlich selbst ausgesucht hätten. Pflegeeltern erleben es als belastend, wenn medizinisches oder therapeutisches Personal ihre Sorgen und Ängste um den Gesundheitszustand des Kindes nicht ernst nimmt oder herunterspielt.
Manchmal machen Pflegeeltern negative Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt. Hierzu gehören falsche und unzureichende Informationen bezüglich der Diagnose des Pflegekindes und unzureichende Aufklärung darüber, wie sehr sich das Pflegeverhältnis auf die Partnerschaft auswirken kann. Außerdem wird die häufige Fluktuation von Beraterinnen und Beratern des Jugendamtes negativ erlebt.
Als belastend erleben Pflegeeltern mitunter Entscheidungen des Jugendamtes, die sie als willkürlich wahrnehmen, sowie das Gefühl, dass ihre Lebensrealität zu wenig verstanden wird. Eine weitere Belastung für Pflegeeltern sind notwendige Umbaumaßnahmen im Wohnumfeld, die sich aus der wandelnden Mobilität des Pflegekindes ergeben.[3]
Belastende gesellschaftliche Strukturen
Pflegeeltern, die ein Kind mit Behinderung aufgenommen haben, erleben, dass ihnen Skepsis und Misstrauen darüber entgegengebracht werden, warum sie ein Pflegekind mit Behinderung aufgenommen haben. Viele erleben dies als Belastung. Zu wenige Bemühungen anderer, die Inklusionsbemühungen der Pflegeeltern im Alltag umzusetzen, wird als Belastung empfunden. Z. B. aufgrund eines Mangels an Ressourcen an der besuchten Schule auf medizinische Aspekte keine Rücksicht genommen werden kann.
Viele Pflegeeltern leiden unter der geringen Anerkennung für die geleistete Arbeit. Oftmals erleben Pflegeeltern, dass ökonomischer Aspekte bei der Entscheidung öffentlicher Institutionen Priorität haben, worüber Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten des Pflegekindes zu kurz kämen. Hinzu kommt, dass rechtliche Rahmenbedingungen für die spezifische Situation oftmals als unzureichend erlebt werden.[4]
Ressourcen von Pflegeeltern
Im Rahmen der Interviews mit den 87 Pflegefamilien werden nicht nur Belastungen beschrieben, sondern auch hilfreiche Ressourcen. Diese lassen sich ebenfalls gliedern in persönliche Ressourcen, Ressourcen aus dem persönlichen Lebensumfeld und gesellschaftliche Ressourcen gliedern lassen.
Persönliche Ressourcen
Zu den persönlichen Ressourcen zählen positive Alltagserlebnisse, wie zum Beispiel Momente von Nähe, Zuneigung und Vertrautheit zwischen Pflegeeltern, Pflegekind und leiblichen Kindern. Auch Entwicklungsfortschritte des Pflegekindes sowie wertschätzende Rückmeldungen aus dem Umfeld stärken die Pflegeeltern und vermitteln das Gefühl, dass sich ihr Engagement lohnt.
Emotionale, kognitive, biografische, soziale, erzieherische sowie sonstige persönliche Kompetenzen und Fähigkeiten, werden von den Pflegeeltern als Ressource erlebt. Hierzu gehören auch Kenntnisse, die sich Pflegeeltern zu dem spezifischen Behinderungsbild ihres Pflegekindes angeeignet haben oder nach vielen Jahren Erfahrung zu wissen, wie sie mit Leistungsträgern oder Krankenkassen umgehen müssen.
Eine Ressource sind auch grundsätzliche Überzeugungen und Sinnkonstruktionen. Dazu gehört zum Beispiel die Überzeugung, dass man auf der Welt ist, um Kindern zu helfen, die sonst in einem Heim aufwachsen müssten oder der Wunsch, die berufliche Tätigkeit mit etwas Sinnvollem zu verknüpfen.[5]
Ressourcen aus dem direkten Lebensumfeld
Die Partnerschaft wird zur Ressource, wenn sich die Partner Zeit füreinander nehmen, sich austauschen, sich aufeinander verlassen können und gegenseitig unterstützen. Leibliche Kinder werden zur Ressource, wenn sie voll hinter der Entscheidung stehen, ein Pflegekind aufzunehmen, helfend mit einspringen und die Pflegeeltern sehen, dass ihr leibliches Kind an der Situation gewachsen ist. Das Netzwerk außerhalb der Familie, bestehend aus Freunden, Nachbarn, Kollegen und anderen Pflegeeltern ist eine wichtige Ressource. Freundschaften, die auch nach der Aufnahme des Pflegekindes noch Bestand haben, sind oft sehr intensiv. Besonders der Austausch mit anderen Pflegeeltern wird als entlastend erlebt, da sie ähnliche Erfahrungen teilen und regelmäßige Treffen das Selbsthilfepotential entfalten.
Das professionelle Netzwerk umfasst insbesondere Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit und Medizin sowie unterstützende Dienste wie Haushaltshilfen oder Kinderbetreuung. Eine besonders wichtige Ressource können dabei die Mitarbeitenden des Pflegekinderdienstes sein, sofern sie gut erreichbar sind und den Pflegeeltern das Gefühl geben, gemeinsam für das Wohl des Kindes einzutreten.[6]
Gesellschaftliche Ressourcen
Die Angebote und Möglichkeiten des Gesundheitssystems können eine Ressource sein, ebenso wie die rechtlichen Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Übernahme der Gesundheitsfürsorge oder sogar der Vormundschaft durch die Pflegeeltern, sowie die Möglichkeit der Namensänderung des Pflegekindes. Ebenfalls eine gesellschaftliche Ressource ist die Zusammenarbeit mit Spezialistinnen und Spezialisten, seien es medizinische, therapeutische, pädagogische und psychologische Dienste oder Angebote der Behindertenhilfe. Auch Informationsangebote im Internet zählen hier dazu. Als wohltuend werden generell positive Rückmeldungen und gesellschaftliche Anerkennung erlebt, die manche Pflegeeltern für ihre Arbeit erhalten.[7]
Quellen
[1] Vgl. Föltz, Friedegard (2021): Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe. Perspektiven und Herausforderungen Sozialer Elternschaft. Beltz Juventa. Weinheim., S. 52f.
[2] Vgl. Schäfer, Dirk (2011): Ressource Pflegeeltern. Universität Siegen Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste, Forschungsgruppe Teilhabeplanung. Untersuchung der Belastungen und Ressourcen von Menschen, die Pflegekinder mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen betreuen. ZPE-Schriftenreihe Nr. 30., S. 25, S. 34-43
[3] Vgl. Ebd., S. 43-57.
[4] Vgl. Ebd., S. 57-63.
[5] Vgl. Ebd., S. 66-84.
[6] Vgl. Ebd., S. 84-98
[7] Vgl. Ebd., S. 98-101.