Pflegekinder haben meist zwei Elternsysteme erlebt, die für sie bindungsrelevant sind. Man spricht von doppelter Pubertät. Für den Loslösungsprozesse der Pubertät bedeutet dies, dass sich das Pflegekind von zwei Familien und den daraus übernommenen Identifikationen lösen muss.

Die Ablösung von den Eltern geschieht in der Regel, indem sich der oder die Pubertierende gegen die Normen und Werte der Eltern richtet. Dies ist bei Pflegekindern dadurch erschwert, dass die Werte und Normen der Pflegeeltern und der Herkunftseltern oftmals diametral entgegengesetzt sind. Wendet sich das Pflegekind also gegen die Pflegeeltern, nähert es sich automatisch den Herkunftseltern und umgekehrt.

Manchmal kann es auch passieren, dass die Familien bewusst oder unbewusst gegeneinander ausgespielt werden und Pflegekinder auf Disziplinierungsversuche der Pflegeeltern mit dem Argument reagieren, diese seien ja gar nicht ihre richtigen Eltern. Die Gefahr, dass dies passiert, ist besonders dann hoch, wenn die Pflegeeltern die Herkunftseltern ablehnen, denn in diesem Moment lehnen sie auch einen Teil des Pflegekindes ab. Die Herkunftseltern können in dieser Phase auch idealisiert oder glorifiziert werden. Das passiert gerade dann, wenn kein oder nur wenig Kontakt besteht. Häufig dient das als psychischer Schutzmechanismus, bei dem belastende Erfahrungen unbewusst ausgeblendet werden. Pflegekinder können darüber hinaus die Pubertät unbewusst als Zwang erleben, sich schon wieder trennen zu müssen. Der wiederholte Verlust von Vertrautem kann mit Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühlen einhergehen und wie schon in früheren Situationen haben sie das Empfinden, dem Geschehen nichts entgegensetzen zu können.[1]

Quellen:

[1] Krüger, Eberhard (2016): Pubertät bei Pflegekindern. In: LWL-Landesjugendamt Westfalen (Hrsg.): Ideen und Konzepte 54: Pubertät bei Pflegekindern. Münster. S. 40-45