In der Pubertät kann es zu Herausforderungen bei der Erziehung, im Umgang mit dem Pflegekind und zu Konflikten kommen. Erziehen bedeutet, das Pflegekind auf das Erwachsenenleben vorzubereiten. Durch Vormachen sowie negative und positive Sanktionen soll das Kind lernen, was richtig und was falsch ist, Orientierung erfahren und Kompetenzen entwickeln. Die Voraussetzung dafür ist eine sichere Bindung. Die Bereitschaft der Pflegekinder, sich auf die Erziehung einzulassen, endet jedoch meist mit Beginn der Pubertät, Erziehung ist jetzt sehr begrenzt und Pflegeeltern müssen neue Wege finden, Einfluss auf ihr Pflegekind zu nehmen.

In dieser Zeit erleben sich (Pflege-)Eltern oft entmachtet, weil sie den Eindruck haben, keinen Einfluss mehr auf das Pflegekind zu haben oder das Kind wolle stärker sein als sie. Es besteht die Gefahr, dass sie verstärkt auf Beziehungsmacht zurückgreifen, um ihre Position zu behaupten. Dadurch kann sich eine Eskalationsdynamik entwickeln, in der Macht und Gegenmacht aufeinandertreffen. Setzen Pflegeeltern dabei vor allem auf autoritäre Kontrolle, provoziert dies nicht selten Widerstand – und die angestrebte Macht wird ihnen vom Pflegekind zunehmend entzogen.

Erziehungsmethoden, die auf Macht basieren, können und dürfen in der Pubertät nicht mehr funktionieren. Wenn das Kind sich diesen entzieht, zeigt es, dass es selbst genug Macht aufgebaut hat, die Macht der Pflegeeltern nicht zu fürchten. Andersherum können Pflegekinder, die sich in ihrer Biografie machtlos gefühlt haben, durch Machtvolles Verhalten getriggert werden. Eine Lösung kann es sein, wenn Pflegeeltern von den bisherigen Erziehungsmethoden zu Beratungsmethoden wechseln. Mehr dazu erfahren Sie auf der folgenden Seite.[1]

ELTERLICHE BERATUNGSKOMPETENZ

Die Grundhaltungen elterlicher Beratungskompetenz umfassen eine Reihe von Aspekten:

  • Dem eigenen Erziehungsstil und dessen Nachhaltigkeit vertrauen
  • Wissen darum, dass die Herausforderungen der Pubertät die pflegeelterlichen Kompetenzen nicht in Frage stellen
  • Dem Pflegekind zutrauen, erwachsene Kompetenzen selbst auszubilden
  • Verständnis für den Prozess habe, den das Pflegekind gerade durchmacht und dafür, wie lange er dauert
  • Bereit sein, immer neu zu verhandeln
  • In den eigenen pflegeelterlichen Überzeugungen stabil sein
  • Die Kontinuität der pflegeelterlichen Beziehung zum Pflegekind bewahren
  • Sichernde Strukturen beibehalten
  • Alternativen zu Machtkämpfen kennen
  • Für die eigene Psychohygiene sorgen

Die einzelnen Haltungen konsequent umzusetzen, kann sehr herausfordernd sein. Dabei ist es wichtig, verständnisvoll sich selbst gegenüber zu bleiben, auch wenn es mal nicht gelingt oder einige Aspekte in den Hintergrund geraten. Schließlich tragen Pflegeeltern auch für sich und dafür, dass es ihnen selbst gut geht, die Verantwortung.[2]

UMGANG MIT PUBERTIERENDEN PFLEGEKINDERN
Je erwachsener das Pflegekind wird, desto mehr sind Pflegeeltern angehalten, die werdende Mündigkeit, Selbständigkeit und Souveränität anzuerkennen und zu fördern. Gleichzeitig dürfen sich Pflegekinder, wie so oft zuvor, nicht im Stich gelassen fühlen, indem die Pflegeeltern auch während der Pubertät präsent bleiben. Folgende Aspekte helfen, als Pflegeeltern den Spagat zwischen Loslassen und Präsentbleiben zu schaffen:

Struktursicherheit geben: Dies geschieht durch das Beibehalten von Ritualen, Urlaube und Vereinbarungen, die immer neu verhandelt werden und auch das Kleingedruckte enthält, also das, was geschieht wenn sich eine Partei nicht an die Abmachung hält. Verträge, die nicht eingehalten werden, werden neu geschlossen und beigen den Grund für die vorherige Nicht-Einhaltung vor.

Familiäre Resilienz entwickeln: Familiäre Resilienz bedeutet in dem Fall, dass Pflegeeltern die Pubertät verständnisvoll einordnen, sich strukturell anpassen können, ein hohes Maß an innerfamiliärer Interaktion bei gleichzeitig starker Außenaktivität haben, problemlösungsorientiert sind, selbstreflexiv und selbstbewusst sein, unterschiedliche Bedürfnisse ausbalancieren, Emotionen ausdrücken und die Rolle des pubertierenden Kindes umdeuten. Diese Umdeutung, auch als Reframing bezeichnet, heiß, dass nicht das Belastende, sondern das Positive betont wird, z. B., dass mit der Pubertät die Erziehung abgeschlossen ist.

Erlebtes Mitgefühl: Das bedeutet, dass man sich in die Lage des pubertierenden Kindes hineinversetzt, ohne jedoch die eigene Distanz zu verlieren und mitzuleiden. Es bedeutet, das Pflegeeltern den abenteuerlichen Prozess, in dem sich das Pflegekind befindet, nachvollziehen können. Um mitfühlen zu können, dürfen sich Pflegeeltern nicht persönlich treffen lassen. Distanzierung durch professionelle Nähe: Es geht darum, Auseinandersetzungen sachlich und mit einer Distanz von den eigenen pflegeelterlichen Emotionen zu führen. Dazu gehört, den Pubertierenden ohne Bedingung wertzuschätzen, in eigen Werten sicher sein, Sach- und Persönlichkeitskritik unterscheiden, sich nicht angreifen lassen, aktiv zuhören, eigene Anteile nicht auf das Pflegekind übertragen, in sich selbst ruhen, Balance im Leben haben, Hilflosigkeit nicht zu Ohnmacht werden lassen und sich von eigenen negativen Gefühlen distanzieren zu können.

Empathische Kommunikation: Dies bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen und Motive des Pflegekindes zu verstehen, sich in diese hineinzuversetzen und sie zu versprachlichen, auch wenn sie die andere Meinung oder Position nicht teilen. Wenn sich Pflegekinder sicher vor Beurteilung fühlen, offene Fragen zum Gespräch einladen und die Pflegeeltern sie ernst nehmen, können sie frei erzählen.[3]

UMGANG MIT KONFLIKTEN UND ESKALATION

In der Pubertät kann es vorkommen, dass Konflikte eskalieren oder Pflegekinder zu selbst- oder fremdgefährdendem Verhalten neigen. Besonders dann brauchen sie klare Grenzen und Rahmenvorgaben. Hiervon fühlen sich viele Pflegeeltern überfordert und machtlos und wissen nicht, was sie dem pubertären Verhalten entgegensetzen sollen. Haim Omer hat ein Konzept mit sieben Säulen entwickelt, das Eltern dabei unterstützen kann, mit Stärke statt Macht zu agieren und Autoritätsperson zu sein, ohne die Verbindung zum Kind zu verlieren.

  • Präsenz und wachsame Sorge: Eltern signalisieren, dass sie da sind und respektvoll, wertschätzend und gewaltfrei sind. Sie sollten die Verantwortung für Werte und Normen des Zusammenlebens übernehmen und wachsam sein für Alarmsignale, die auf ein gefährliches oder aggressives Verhalten des Jugendlichen hindeuten.
  • Selbstkontrolle und Eskalationsvorbeugung: Es geht nicht darum, das Pflegekind zu verändern oder gar zu „besiegen“, sondern Situationen zu deeskalieren. Das Wir wird betont, anstelle des Ich und Du.
  • Unterstützungsnetzwerke: Das Netzwerk der Pflegefamilie kann unterstützen, schützen, vermitteln und begleiten.
  • Protest und gewaltloser Widerstand: Als Eltern signalisieren, dass man das Kind nicht aufgibt, aber auch nicht nachgibt. Ein inakzeptables Verhalten wird gestoppt, ohne dass es darum geht, Macht zu demonstrieren.
  • Gesten der Wertschätzung und Versöhnung: Dem Pflegekind gemeinsame Unternehmungen oder das Lieblingsessen anbieten – auch wenn es ablehnt, die Geste wirkt trotzdem. Wenn man selbst heftig reagiert hat, Bedauern darüber ausdrücken.
  • Transparenz: Das Handeln der Eltern muss für die Kinder berechenbar sein.
  • Wiedergutmachungsprozesse: Guten Willen zur Versöhnung zeigen. Fehler führen nicht dazu, dass man seine Zugehörigkeit verliert.[4]

Quellen:

[1] Krüger, Eberhard (2016): Pubertät bei Pflegekindern. In: LWL-Landesjugendamt Westfalen (Hrsg.): Ideen und Konzepte 54: Pubertät bei Pflegekindern. Münster. S. 58-62

[2] Ebd., S. 58-62

[3] Ebd., S. 67-120

[4] Sarcletti, Kerstin (2018): Abenteuer Pubertät. In: Landeshauptstadt München Sozialreferat (Hrsg.): Pubertät. Pflegeelternrundbrief II/2018, Pflege und Adoption. München. S. 4-32. URL: https://info.muenchen.de/soz/pub/pdf/604_Pflegeelternrundbrief_2_2018.pdf – (zuletzt aufgerufen am 04.02.2026). S. 28-30