Insbesondere die Identitätsentwicklung, die auch die Integration der eigenen Vergangenheit beinhaltet, kann für Pflegekinder herausfordernd sein. Wenn durch die Veränderungen in der Pubertät alte Wunden wieder aufgerissen werden, kann dies zu großer Verunsicherung und Orientierungslosigkeit führen.
Stimmungsschwankungen und Unsicherheiten, die im Zuge der Pubertät auftreten, können bei Pflegekindern ohne sichere Bindungserfahrung zu einem Erleben von Ohnmacht und Kontrollverlust führen. Doch auch Pflegekinder, die eine sichere Bindung zu ihren Pflegeeltern aufbauen konnten, können in dieser Phase vermehrt Zweifel entwickeln, ob die Pflegeeltern sie so lieben, wie sie sind.
Bei vielen Pflegekindern taucht in der Jugend verstärkt die Frage auf, warum sie weggegeben wurden. Diese Frage kann eng mit der Angst verbunden sein, erneut eine Verlusterfahrung zu machen, erneut weggegeben zu werden. Die Beziehung zu den Pflegeeltern wird häufig in Frage gestellt und viele Jugendliche reagieren darauf mit Verhaltensweisen, die das Verhältnis zu den Pflegeeltern auf eine harte Probe stellen können.
Pflegekinder sind in der Pubertät häufig einem Identitätskonflikt ausgesetzt, da die eigene Identität eng mit der Herkunftsfamilie verbunden sein kann. Eine Abwertung der Herkunftsfamilie bei gleichzeitiger Identifikation mit den leiblichen Eltern kann dazu führen, dass sich Pflegekinder selbst abwerten, was man als negative Identifikation bezeichnet. Sie können in diesem Zusammenhang Ängste entwickeln, aufgrund der genetischen Abstammung genauso zu werden, wie ihre leiblichen Eltern.
Selbstregulation und Impulskontrolle fallen Pflegekindern mit traumatischen Erfahrungen oder unsicherer Bindung besonders schwer. In einer Phase, in der der Umbau im Gehirn diese Fähigkeiten eh behindert, können sie häufiger als andere Jugendliche in Situationen kommen, in denen sie impulsiv handeln und sich in Gefahr bringen. Vor dem Hintergrund sexuellen Missbrauchs können insbesondere Mädchen erneut das Gefühl aus der Kindheit erleben, kein Anrecht auf einen unversehrten Körper zu haben. Das kann zur Folge haben, dass sie im sexuellen Kontext keine Grenze ziehen und sich nicht schützen.[1]
Quellen:
[1] Sarcletti, Kerstin (2018): Abenteuer Pubertät. In: Landeshauptstadt München Sozialreferat (Hrsg.): Pubertät. Pflegeelternrundbrief II/2018, Pflege und Adoption. München. S. 4-32. URL: https://info.muenchen.de/soz/pub/pdf/604_Pflegeelternrundbrief_2_2018.pdf – (zuletzt aufgerufen am 04.02.2026). S. 13-20