Die bisherigen Bindungserfahrungen, die ein Pflegekind bei der Aufnahme in die Pflegefamilie gemacht hat und das daraus resultierende Bindungsverhalten, können sehr unterschiedlich sein. Eine sichere Bindung an die Pflegeeltern sowie ein positives Netzwerk können negative Bindungsmuster korrigieren. Laut einer Studie haben 73% der Pflegekinder, die in eine Dauerpflegefamilie vermittelt werden, nach einem Jahr eine gute Bindung zu ihren Pflegeeltern aufgebaut. Pflegeeltern, die ein beeinträchtigtes Kind bei sich aufnehmen geben an, dass der Bindungsaufbau zeitintensiver ist und von viel Verständnis seitens der Pflegeeltern geprägt sein muss, da das Kind Informationen aufgrund seiner Beeinträchtigung mitunter nicht so verarbeiten kann, wie andere Kinder. Dennoch kann sich eine sehr intensive Bindung entwickeln.

Als Besonderheit in der Eingewöhnungsphase berichten Pflegeeltern von ihren Kindern mit Beeinträchtigung, dass sie vor allem Schlafprobleme feststellen konnten, die, so ihre Mutmaßung, zum Teil von den vorausgehenden Klinikaufenthalten herrührten. Der Kontakt zu den leiblichen Eltern ist, wie bei allen Pflegekindern, sehr unterschiedlich. Zumeist besteht kein oder nur sporadischer Kontakt und dadurch selten eine emotionale Bindung.[1]

Kinder, die in ihrer Herkunftsfamilie belastende oder traumatische Erfahrungen gemacht haben, können neben einer desorganisierten Bindung auch eine Bindungsstörung entwickeln. Das Risiko hierfür steigt insbesondere dann, wenn sie wiederholt Ablehnung, emotionalen Liebesentzug oder bedrohliche Verhaltensweisen ihrer Bezugspersonen erlebt haben. Bei jüngeren Kindern können sich Bindungsstörungen unter anderem in Bauch- oder Kopfschmerzen, Schlaf- und Essstörungen, anhaltendem Schreien oder Kreislaufbeschwerden äußern. Weitere mögliche Anzeichen sind fehlende altersangemessene Bindungsreaktionen, beispielsweise ausbleibender Protest bei Trennungen, ein ausgeprägter Rückzug oder die starke Vermeidung von Nähe und Beziehungen.[2]

Bindungsstörungen und Behinderung

Bindungsstörungen und Behinderung hängen oftmals eng zusammen. Die Hauptursache für die Entwicklung von Bindungsstörungen sind frühe traumatische Erfahrungen, die durch Missbrauch, Vernachlässigung, Misshandlung oder Gewalt entstehen können.[3] Pflegekinder mit Behinderung, die in ihrer Herkunftsfamilie belastende Verhältnisse erlebt haben, sind dabei besonders gefährdet, eine Bindungsstörung zu entwickeln. Häufig haben diese Erfahrungen bereits zu einer unsicheren oder desorganisierten Bindung geführt und werden durch weitere Belastungen wie eine geistige Behinderung zusätzlich erschwert.[4]

Das hat auch damit zu tun, dass Eltern mit Kummer, Depression oder Ablehnung auf die Behinderung ihres Kindes reagieren und deshalb kein angemessenes feinfühliges Verhalten zeigen. Gleichzeitig können viele Kinder aufgrund ihrer Behinderung nicht angemessen auf die Reize und bindungsrelevanten Informationen ihrer Eltern reagieren. Geistige Behinderungen und Bindungsstörungen können sich dabei wechselseitig negativ beeinflussen und verstärken.[5]

Bindungsstörungen bei spezifischen Beeinträchtigungen

Kinder mit schwerer Intelligenzminderung und eingeschränkter Kommunikation können ein kaum oder nur schwach ausgeprägtes Bindungsverhalten zeigen. Bezugspersonen deuten dieses Verhalten mitunter als Ablehnung und reagieren darauf selbst mit weniger Zuwendung, was sowohl die Bindungsstörung als auch die bestehenden Beeinträchtigungen verstärken kann. Für Pflegeeltern ist es wichtig, die fehlende aktive Nähe-Suche nicht als Ablehnung zu missverstehen, sondern die Bedürfnisse des Kindes verlässlich wahrzunehmen und zu beantworten.

Liegt zusätzlich zur Intelligenzminderung und eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit eine ausgeprägte Antriebssteigerung vor, zeigen diese Kinder häufig ein undifferenziertes Bindungsverhalten und wählen Bezugspersonen wahllos aus.

Antriebsgesteigerte Kinder des undifferenzierten Typs mit erhöhtem Unfallrisiko geraten häufig in gefährdende Situationen oder Unfälle, die sie durch impulsives und teils provokantes Verhalten ohne vorherige Rückversicherung bei Bezugspersonen selbst auslösen. Ursache ist dabei weniger Neugier oder die geistige Behinderung, sondern vielmehr die fehlende Orientierung an Schutz- und Beziehungssignalen. Für Pflegeeltern bedeutet dies, klare und nachvollziehbare Grenzen zu setzen und bei Grenzverletzungen konsequent einzugreifen.

Kinder mit körperlicher Behinderung, mäßiger Intelligenzminderung und guter Kommunikationsfähigkeit zeigen häufig ein ängstliches, anhängliches und gesteigertes Bindungsverhalten. Sie klammern, protestieren bei Trennung und reagieren auf neue Situationen oft mit Ablehnung oder Widerstand. Der Übergang in Kindergarten oder Schule fällt dadurch häufig schwer und Pflegeeltern sind besonders gefordert, klare Grenzen zu setzen und zur Selbstständigkeit zu ermutigen.

Schwer intelligenzgeminderte Kinder können ein aggressives Bindungsverhalten zeigen und ebenfalls eine große Herausforderung für Pflegeeltern darstellen. Es kann sich um fremdaggressives und autoaggressives Verhalten handeln. Für Pflegeltern ist es wichtig, das Verhalten nicht persönlich zu nehmen. Hilfreich sind angstreduzierende Gespräche, Reizreduktion, Beruhigung und klare Alltagsstrukturen.[6]

Quellen

[1] Vgl. Haubrock, Alina; Uysal, Merve; Jakubovski, Nathalie; Riemer, Marcel (2021): Prozess der Bindungsentwicklung zwischen Pflegeeltern und ihren Pflegekindern mit Beeinträchtigung. In: Köpcke, Jessica Lilli (Hrsg.): Pflegekinder mit Behinderung. Beltz Juventa. Weinheim. S. 186-201., S. 186-200.

[2] Vgl. Föltz, Friedegard (2021): Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe. Perspektiven und Herausforderungen Sozialer Elternschaft. Beltz Juventa. Weinheim., S. 28.

[3] Vgl. Brisch, Karl-Heinz; Hilmer, Catherina; Oberschneider, Lukas & Ebeling, Ludwig (2018): Bindungsstörungen. In: Monatsschrift Kinderheilkunde, Bd. 166, Nr. 6, S. 533-544. URL: https://link.springer.com/article/10.1007/s00112-018-0465-7 (zuletzt aufgerufen am 26.04.2026), S. 535.

[4] Vgl. Föltz, Friedegard (2021): Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe. Perspektiven und Herausforderungen Sozialer Elternschaft. Beltz Juventa. Weinheim., S. 33f.

[5] Vgl. Rauh, Hellgard (2004): Kindliche Behinderung und Bindungsentwicklung. URL: https://www.researchgate.net/publication/285734473_Kindliche_Behinderung_und_Bindungsentwicklung (zuletzt aufgerufen am 25.04.2026), S. 314f.

[6] Vgl. Föltz, Friedegard (2021): Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe. Perspektiven und Herausforderungen Sozialer Elternschaft. Beltz Juventa. Weinheim., S. 33f.