Grundsätzlich gibt es nicht die eine geistige Behinderung, sondern man spricht dabei von Menschen mit unterschiedlichsten geistigen Beeinträchtigungen. Es kann sich dabei um organische Defekte, Chromosomenabweichungen, Stoffwechselstörungen, Hirnschädigungen, Mehrfachbehinderungen und psychische Störungen handeln. Geistige Behinderung kann auch sekundär, in Folge von traumatischen Gewalterfahrungen, und sexuellem oder emotionalem Missbrauch entstehen.[1]

Die IDC-10 unterscheidet zwischen leichter geistiger Behinderung mit einem Intelligenzquotienten zwischen 50 und 70 und einer schweren geistigen Behinderung ab einem Intelligenzquotienten unter 50. Etwa 1–1,3 % eines Geburtsjahrgangs sind von einer geistigen Behinderung betroffen.[2] Aufgrund vielfältiger Therapiemöglichkeiten wie Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie aber auch frühzeitige Behandlungsmöglichkeiten von Fehlbildungen, Erkrankungen und Infektionen, haben sich die Lebenserwartung und Lebensqualität von Menschen mit Behinderung in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert.

Kinder mit geistiger Behinderung entwickeln sich nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wenn die wichtigsten Bezugspersonen darauf Rücksicht nehmen und das Kind unterstützend begleiten, stärkt dies seine Chancen, später ein möglichst selbstständiges Leben zu führen. Für viele Menschen mit geistiger Behinderung bedeuten feste Handlungsabläufe, Rituale sowie eine vertraute Umgebung und vertraute Gegenstände Sicherheit und Orientierung im Alltag.

Obwohl viele Personen mit einer geistigen Behinderung keine volle Selbstständigkeit und Leistungsfähigkeit erreichen, sind viele von ihnen emotional gesund und haben es leicht, Kontakte zu knüpfen. Das Aufrechterhalten von Freundschaften kann für Kinder mit Behinderung herausfordernd sein, insbesondere wenn ihre sozialen Kontakte überwiegend in der Einrichtung entstehen, die sie tagsüber besuchen, und die Kinder außerhalb davon weit voneinander entfernt wohnen. Umso wertvoller kann es sein, wenn Eltern miteinander in Kontakt treten und Begegnungen außerhalb der Einrichtung ermöglichen, zum Beispiel durch gegenseitige Besuche oder gemeinsame Übernachtungen.[3]

Frühe Kindheit

Babys ohne Beeinträchtigung reagieren auf körperliche Zuwendung mit Zeichen des Wohlgefallens. Bei Kindern mit geistiger Behinderung kann es vorkommen, dass sie scheinbar gar nicht auf körperliche Nähe, Berührungen oder Streicheln zu reagieren scheinen. Wenn Eltern dann mit weniger Zuwendung reagieren, ist die Gefahr groß, dass die Gefühls- und Empfindungsfähigkeiten des Kindes zu wenige Anreize erhalten und der eigene Körper dem Kind unvertraut und fremd bleibt. Oftmals brauchen Kinder mit geistiger Behinderung länger, um körperlich angenehme Empfindungen wahrzunehmen.[4] Je nachdem welche Art der Behinderung bei einem Kind vorliegt, kann auch durch die Stimulation anderer Sinneskanäle eine Bindung aufgebaut werden. Insbesondere bei autistischen Kindern kann beobachtet werden, dass eine sichere Bindung maßgeblich von dem feinfühligen Verhalten der Bindungsperson abhängt.[5]

Wichtig ist außerdem, dass Kindern mit Behinderung eine möglichst normale Kindheit ermöglicht wird. Hierzu gehört zum Beispiel auch, dass sie die Möglichkeit haben, mit anderen Kindern ohne Beobachtung spielen zu dürfen und einen positiven Bezug zu ihrem Körper zu entwickeln. Eltern sowie Betreuerinnen und Betreuer sollten die Privatsphäre des Kindes akzeptieren und zum Beispiel das Zimmer nicht betreten, ohne anzuklopfen. Nur so lernen Kinder mit Behinderung, ebenfalls die Grenzen und das Schamgefühl anderer Menschen zu respektieren.[6]

Erziehung

Die Erziehung eines Kindes mit Behinderung kann für Eltern sehr herausfordernd sein. Zwischen Alltagsbelastungen, Schuldgefühlen und widersprüchlichen Ratschlägen fällt es vielen schwer, einen passenden und zugleich liebevollen erzieherischen Umgang zu finden. Folgende Aspekte können dabei eine Rolle spielen:

  • Eltern von Kindern mit Behinderung haben oft keine Vorbilder in der Erziehung und können nur bedingt auf Erfahrungen mit anderen Kindern oder Geschwistern zurückgreifen.
  • Oftmals stehen andere Themen im Vordergrund als Erziehungsfragen. So leiden Eltern unter der Last medizinischer und therapeutischer Maßnahmen, leben in der ständigen Hoffnung auf Besserung und sind von der schwierigen Alltagsorganisation herausgefordert.
  • Verhaltensweisen, die bei Kindern ohne Behinderung erzieherische Konsequenzen hätten, verunsichern bei Kindern mit Behinderung oft eher. Dennoch schaffen Eltern durch Erziehung Normalität und vermitteln Grenzen und Konsequenzen.
  • Eltern sind häufig unsicher, ob bestimmte Verhaltensweisen mit der Behinderung zusammenhängen und ihnen daher vor allem mit Verständnis begegnet werden sollte. Zudem fragen sie sich oft, ob ihr Kind erzieherische Maßnahmen nachvollziehen kann oder diese möglicherweise als Ablehnung erlebt. Aber: Nicht für alle Eigenheiten, die ein Kind mit Behinderung zeigt, ist Verständnis aufzubringen, sondern manchem sollte mit erzieherischen Mitteln begegnet werden.
  • Pflegeeltern wollen Kindern mit Behinderung oft zusätzliche Frustrationen ersparen und begegnen ihnen deshalb mit viel Nachsicht. Dennoch haben auch Kinder mit Behinderung das Recht auf Erziehung und darauf, wie andere Kinder behandelt zu werden.
  • Viele Eltern entwickeln Schuldgefühle, wenn sie ihrem Kind gegenüber negative Gefühle empfinden. Gleichzeitig ist es wichtig, dass sie sich eingestehen dürfen, dass bestimmte Verhaltensweisen ihres Kindes belastend oder anstrengend sein können.
  • Beginnen Eltern durch äußere Einflüsse plötzlich mit Erziehungsmaßnahmen, kann das Kinder irritieren. Sie reagieren dann oft mit verstärktem Verhalten, um gewohnte Aufmerksamkeit, Wünsche und Freiheiten beizubehalten.[7]

Pubertät

Die Pubertät ist für Jugendliche mit geistiger Behinderung in besonderem Maße eine herausfordernde Zeit. Für Jugendliche mit Behinderung spielt die Entwicklung der eigenen Identität eine zentrale Rolle, insbesondere die Auseinandersetzung mit der eigenen Behinderung. In einer Lebensphase, in der eigene Erfahrungen besonders wichtig sind, erleben sie jedoch häufig, dass ihnen weniger zugetraut und ermöglicht wird, wodurch ihnen nur eingeschränkte Gelegenheiten bleiben, Erfahrungen mit Gleichaltrigen zu sammeln.

Eine sehr fürsorgliche Haltung der Eltern kann dazu führen, dass Ablösungsprozesse nur eingeschränkt möglich sind und die Jugendlichen weniger Raum für eigenständige Entwicklung erhalten. Tatsächlich verfügen sie über weniger Strategien, ihr Leben selbst zu gestalten und können ihre eigenen Fähigkeiten nur schwer einschätzen. Gleichzeitig erfahren Jugendliche mit Behinderung in dieser Phase in verstärktem Maße ihre Grenzen und können darauf aggressiv, unruhig gereizt oder depressiv reagieren. Kommen Kinder in die Pubertät, lässt die Rolle der Eltern, die soziale Identität ihrer Kinder zu definieren normalerweise nach. Jugendliche mit geistiger Behinderung können sich oftmals gar nicht richtig von ihren Bezugspersonen abgrenzen, da die Symbiose mit den Eltern oft erhalten bleibt und konstruktive pubertäre Konflikte nicht ausgetragen werden können.

Die meisten Menschen mit einer geistigen Behinderung erreichen zwar die Volljährigkeit, aber keine Urteilsreife. Die Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sind begrenzt. Und auch wenn viele einen Arbeitsplatz in einer integrativen Einrichtung finden, bleiben berufliche Träume häufig unerfüllt. Umso wichtiger ist es, den Blick nicht auf Defizite, sondern auf vorhandene Ressourcen zu richten und deren Entwicklung gezielt zu fördern. Auf die Trennungsbestrebungen der Heranwachsenden, wenn diese zum Beispiel den Wunsch äußern, auszuziehen, reagieren viele Eltern mit Trennungsangst. Auch Pflegeeltern müssen lernen, ihre Kinder loszulassen und gleichzeitig die emotionale Geborgenheit weiterhin zu gewährleisten. Ein tatsächlicher Auszug wird meistens in Zusammenarbeit mit der betreffenden Behörde bestimmt.[8]

Pflegekinder mit Behinderung können auch nach der Volljährigkeit Unterstützung erhalten und weiterhin bei ihren Pflegeeltern wohnen, z. B. im Rahmen des Begleiteten Wohnens in Familien (BWF), auch als Gastfamilie bezeichnet. Informationen und Anträge gibt es beim Landeswohlfahrtsverband Hessen unter https://www.lwv-hessen.de/leben-wohnen/wohnen/begleitet-in-familien.html –

 

Sexualität

Die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen mit Behinderung ist häufig mit besonderen Unsicherheiten, Ängsten und Vorurteilen verbunden – sowohl für die Jugendlichen selbst als auch für ihre Eltern und Bezugspersonen. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Sexualität bei ihrem Kind mit Behinderung können Pflegeeltern die Sorge haben, dass…

  • die Auseinandersetzung mit dem Thema schwierig wird, weil das Kind nicht alles verstehen kann
  • das Pflegekind einen exzessiven Trieb entwickeln könnte, der nicht mehr kontrolliert werden kann
  • ein eigener Kinderwunsch entstehen könnte
  • das geweckte sexuelle Bedürfnis zu sexuellem Missbrauch führen könnte.

Diese Ängste und Sorgen führen häufig zu einer Entsexualisierung von Menschen mit Behinderung. Kinder und Jugendliche brauchen deshalb dringend vorgelebte Partnerschaft und Gespräche über Sexualität und Beziehungen. Man geht davon aus, dass Jugendliche mit Behinderung in der Pubertät den gleichen Umstrukturierungsprozess durchlaufen, wie alle anderen Jugendlichen auch. Dabei ist jedoch der Unterschied, dass die körperliche Entwicklung zumeist altersentsprechend verläuft, während die emotionale und intellektuelle Entwicklung hinterherhinkt. Oftmals machen Mädchen und Jungen mit Behinderung die Erfahrung, dass sie in ihrer Sexualität nicht richtig ernst genommen werden oder für andere als Partner oder Partnerin unattraktiv sind.

Häufig gehen in der Pubertät auch andere Bezugspersonen auf Distanz. Wenn der oder die Jugendliche das Naiv-Kindliche verliert, sinkt die Bereitschaft, das Kind zu liebkosen und körperliche Nähe zuzulassen, was sich für die Jugendlichen wie ein Liebesverlust anfühlen kann. Jugendliche mit Behinderung sollten über Sexualität, körperliche Veränderungen und Pubertät aufgeklärt werden. Da sie oft wenig Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen, kann dies ihre Körperwahrnehmung und ihr Selbstbild beeinträchtigen. Zum Thema Sexualität gehört auch die Aufklärung über Möglichkeiten der Empfängnisverhütung. Jugendlichen mit geistiger Behinderung wird ein verantwortungsvoller Umgang damit häufig von vornherein abgesprochen. Dabei gibt es, wie bei anderen Jugendlichen auch, sowohl junge Menschen, die verantwortungsvoll damit umgehen können, als auch solche, die dabei Unterstützung benötigen. Wichtig ist es, im Einzelfall zu prüfen, welche Verhütungsmethode passt. Dabei müssen auch gesundheitliche Risiken sowie die mögliche Wechselwirkung mit anderen Medikamenten beachtet werden.[9]

Erwachsenwerden unterstützen

Einige Aspekte sind hilfreich, um Jugendliche mit geistiger Behinderung in der Pubertät zu unterstützen. Hierzu gehört:

  • Einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper vermitteln
  • Normen und gesellschaftlich anerkanntes Verhalten vermitteln
  • Lebensformen vorstellen
  • Fähigkeiten zur Entscheidungsfindung vermitteln
  • Berufliche Perspektiven aufzeigen
  • Prävention in Bezug auf sexuelle Übergriffe leisten

Im Detail können folgende Aspekte hilfreich sein:

  • Öffentliche Verkehrsmittel nutzen
  • Wege zutrauen, z. B. zum Bäcker oder in die Schule
  • Kontakte und Freundschaften über ein Handy pflegen
  • Zu einer Mitgliedschaft in einem Verein oder Jugendclub ermutigen
  • Freiraum und Möglichkeiten zur Interaktion mit Gleichaltrigen schaffen. Dies unterstützt das Selbstwertgefühl und die emotionale Loslösung von den Eltern
  • Möglichkeiten und Grenzen aufzeigen, damit die Jugendlichen zwischen Wunsch und Wirklichkeit unterscheiden lernen[10]

Quellen:

[1] Vgl. Sohlmann, Sigrid (2009): Behinderung bei Kindern und Jugendlichen. Hilfe für Eltern, Therapeuten und Pädagogen. Facultas Verlags- und Buchhandels AG. Wien, S. 14.

[2] Vgl. Sarimski, Klaus (2021): Kinder mit Behinderungen in inklusiven Kindertagesstätten. 2. überarb. Aufl.. W. Kohlhammer GmbH. Stuttgart, S. 106f.

[3] Vgl. Sohlmann, Sigrid (2009): Behinderung bei Kindern und Jugendlichen. Hilfe für Eltern, Therapeuten und Pädagogen. Facultas Verlags- und Buchhandels AG. Wien, S. 24-28.

[4] Vgl. Ebd., S. 30

[5] Vgl. Rauh, Hellgard (2004): Kindliche Behinderung und Bindungsentwicklung. URL: https://www.researchgate.net/publication/285734473_Kindliche_Behinderung_und_Bindungsentwicklung (zuletzt aufgerufen am 25.04.2026), S. 317, 320.

[6] Vgl. Sohlmann, Sigrid (2009): Behinderung bei Kindern und Jugendlichen. Hilfe für Eltern, Therapeuten und Pädagogen. Facultas Verlags- und Buchhandels AG. Wien, S. 31.

[7] Vgl. Ebd., S. 38-42.

[8] Vgl. Ebd., S. 32-46.

[9] Vgl. Ebd., S. 32-38.

[10] Vgl. Ebd., S. 49.