Sexualität spielt in der Pubertät eine große Rolle, weil sich nicht nur der Körper verändert, sondern auch ganz neue Gefühle und erste Erfahrungen mit Verliebtsein und Beziehungen dazukommen. Wie offen und unterstützend Sie als Pflegeeltern mit diesem sensiblen Thema umgehen, hängt auch davon ab, was Sexualität für Sie selbst bedeutet.
Je mehr Sie sich mit Ihrem eigenen Verhältnis zum Thema Sexualität beschäftigen, desto leichter wird es Ihnen fallen, mit Ihrem Pflegekind darüber zu sprechen. Sexualität ist eine Lebensenergie, die den Menschen von seiner Geburt bis ins hohe Alter begleitet und ein existenzielles Grundbedürfnis, das eng mit der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung verbunden ist. Die Sexualität eines Menschen hat viele Facetten und umfasst das biologische Geschlecht, die Geschlechtsidentität, die Geschlechterrolle und sexuelle Orientierung. Sexualität ist Ausdruck von Lust, Erotik und Intimität und Grundlage der Fortpflanzung.[1]
SEXUELLE BEZIEHUNGEN UND GESCHLECHTSVERKEHR IN ZAHLEN
Die Aufnahme sexueller Beziehungen ist eng mit der körperlichen Reifung verbunden. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind gering, außer in Bezug auf Masturbation. Im Alter von 14 bis 17 Jahren haben 70% der Jungen aber nur 31% der Mädchen Erfahrungen mit Selbstbefriedigung.[2]
Laut einer Studie des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit aus dem Jahr 2019 geben weniger Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren an, bereits Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, als zehn Jahre zuvor. Durchschnittlich haben Jungen und Mädchen heute zu einem späteren Zeitpunkt das erste Mal Geschlechtsverkehr als vor zehn Jahren. Auch der Migrationshintergrund spielt eine Rolle. Junge Frauen ohne Migrationshintergrund haben zu 70% im Alter von 17 Jahren bereits Geschlechtsverkehr erlebt, bei den Mädchen mit Migrationshintergrund sind es nur 37%. Bei den Jungen sind es 64 bzw. 59%. Werden die Jugendlichen gefragt, warum sie noch nicht sexuell aktiv sind, geben sie an, noch nicht den oder die Richtige gefunden zu haben und ein zu junges Alter zu haben.[3]
HOMO- UND BISEXUALITÄT
In der frühen Kindheit wird noch sehr spielerisch mit den Geschlechtern umgegangen und drei- bis vierjährige Kinder zeigen nicht selten geschlechtsuntypisches Verhalten. Erwachsene reagieren unterschiedlich auf geschlechtsuntypisches Verhalten. Zeigt ein Junge typisch weibliches Verhalten, wird dies deutlich kritischer gesehen als andersherum, bis dahin, dass jungenhaftes Verhalten bei Mädchen sogar positiv bewertet wird.
Im Kennenlernprozess des eigenen Geschlechts und der eigenen Identität wollen Kinder in der ausgehenden Kindheit erst einmal Sicherheit erlangen und sich klar einem Geschlecht zuordnen können. Andere sexuelle Lebensformen spielen erst einmal keine Rolle. Schwul wird oftmals von Kindern als Schimpfwort für Jungen verwendet, die nicht ins Bild eines “richtigen Jungen” passen. Wenn Jugendliche in der Pubertät entdecken, dass sie homosexuell oder bisexuell sind, kann das sehr verunsichernd sein und die erlebte Heteronormativität, also die gesellschaftliche Erwartung, dass jeder Mensch heterosexuell ist und sein sollte, das Coming-out erschweren.
Die sexuelle Orientierung entwickelt sich zumeist in der Jugendphase, kann sich aber auch ein Leben lang ändern. Insbesondere in der Pubertät sammeln viele Jugendliche gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen, ohne homosexuell zu werden. Homosexualität geht dabei nicht unbedingt mit geschlechtsuntypischen Verhaltensweisen einher.[4]
Gleichgeschlechtliche Erfahrungen sammeln Mädchen häufiger als Jungen. Laut der Jugendsexualitätsstudie aus dem Jahr 2015 hatten 12% der weiblichen Teilnehmerinnen und 9% der männlichen Teilnehmer in den vergangenen 12 Monaten gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen. Die Erfahrungen allein spiegeln jedoch keinesfalls die sexuelle Orientierung wider, da nur 2 % der männlichen und 4 % der weiblichen Befragten im Alter von 16 bis 25 Jahren angeben, homosexuell zu sein.[5]
Quellen:
[1] Rohrmann, Tim; Wanzeck-Sielert, Christa (2023): Mädchen und Jungen in der KiTa Körper– Gender– Sexualität 3., aktualisierte Auflage. Verlag W. Kohlhammer: Stuttgart. S.75f
[2] Vierhaus, Marc; Wendt, Eva-Verena (2018): Sozialbeziehungen zu Gleichaltrigen. In: Lohaus, Arnold (Hrsg.): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Springer-Verlag GmbH: Berlin. S. 155f
[3] Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (2021): Datensatz „Jugendsexualität“, Befragung 2019.URL: https://www.sexualaufklaerung.de/forschungsergebnis/jugendsexualitaet-9-welle-3/ – (zuletzt aufgerufen am 04.02.2026).
[4] Rohrmann, Tim; Wanzeck-Sielert, Christa (2023): Mädchen und Jungen in der KiTa Körper– Gender– Sexualität 3., aktualisierte Auflage. Verlag W. Kohlhammer: Stuttgart. S. 100f
[5] Vierhaus, Marc; Wendt, Eva-Verena (2018): Sozialbeziehungen zu Gleichaltrigen. In: Lohaus, Arnold (Hrsg.): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Springer-Verlag GmbH: Berlin. S. 139-168. S. 158