Jugendliche in der Pubertät erleben ein ständiges Auf und Ab ihrer Gefühlswelten. Die meisten Pflegeeltern sind froh, wenn die Jugendlichen aus dem Gröbsten raus sind und sie sich nicht mehr jeden Tag aufs Neue auf einen chaotischen Gefühlscocktail gefasst machen müssen. Die intensiven und häufig wechselnden Emotionen von Jugendlichen lassen sich mit hormonellen Veränderungen und Entwicklungsprozessen im Gehirn erklären. Die neuen Gefühlswelten entstehen aber auch durch neue Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen und die Entwicklung der Identität. Mädchen berichten allgemein über negativere Gefühle als Jungen und zeigen häufigere und intensivere Stimmungsschwankungen. Auch ihre Reaktionen auf Bewertungen und Ausgrenzungserfahrungen sind stärker als bei Jungen.
Jugendliche haben häufig den Drang nach intensiven Gefühlen. Diese erleben sie vor allem im Zusammensein mit Gleichaltrigen, bei ersten Liebesbeziehungen, beim Sport und im Zusammenhang mit Genussmitteln. Der Drang nach Sensationen und die gesteigerte Risikobereitschaft werden mit Entwicklungen im Gehirn erklärt. Insbesondere auf Belohnungen reagiert das Gehirn sehr sensibel, sodass sich Jugendliche durch intensive Gefühlserfahrungen belohnen. Gleichzeitig ist die Fähigkeit zur kognitiven Selbstregulation noch nicht ausreichend entwickelt. Der Drang nach intensiven Gefühlen ist für die Entwicklung von Jugendlichen sehr wichtig. Er trägt dazu bei, dass sie sich vom Elternhaus trennen und neue Beziehungen zu Gleichaltrigen eingehen. Ein rationales Vorgehen wäre in dieser Phase nicht zielführend.
Aufgrund der tiefgreifenden Umstrukturierung des Gehirns schneiden Jugendliche bei den sozial-emotionalen Kompetenzen häufig weniger gut ab, als jüngere Kinder. So können Jugendliche ab etwa 12 Jahren Gefühle des Gegenübers schlechter erkennen und sich auch weniger gut emotional selbst regulieren. Das heißt aber nicht, dass Jugendliche ihre Gefühle gar nicht steuern können. So können insbesondere Jungen z. B. Ihre Gefühle sehr gut unterdrücken und wirken dadurch besonders ”cool”.[1]
[1] Jenni, Oskar (2021): Die kindliche Entwicklung verstehen. Praxiswissen über Phasen und Störungen. Springer: Berlin. S. 380ff.