Pflegekinder und Schule
Pflegekinder erleben ihr Leben häufig als stark belastend, was ihre verfügbaren Ressourcen für schulisches Lernen einschränken kann. Hinzu kommt, dass erste Misserfolgserlebnisse oder das Gefühl „Ich kann das nicht“ oft so entmutigend wirken, dass sie aufgeben. Dieses Aufgeben dient dabei als Schutz vor Überforderung und Frustration; Widerstand gegenüber schulischen Anforderungen kann in solchen Momenten das Selbstwertgefühl stabilisieren und dem Kind helfen, sich weniger ohnmächtig zu fühlen.
Da Kinder, die eine traumatische Erfahrung machen mussten, der bedrohlichen Situation keine angemessene Bewältigungsstrategie entgegensetzen konnten, erlebten sie Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Diese negativen Empfindungen können in dem Moment wieder getriggert werden, wenn scheinbar unlösbare Leistungsanforderungen an sie gestellt werden. Das Gefühl der Hilflosigkeit ist dann wieder da. Die Information, etwas falsch gemacht zu haben, kann bei traumatisierten Kindern Unterlegenheits- und Ohnmachtsgefühle auslösen, die sich in Aggression, Flucht, Erstarrung oder Unterwerfung und Dissoziation äußern können.
Während das Kind im persönlichen Lebensumfeld eher eine fest umrissene Identität hat, kann es die Organisation Schule durch ihre Leistungsanforderungen und die Macht der Lehrperson als bedrohlich empfinden. Ergreifen Pflegeeltern bei Konflikten dann die Partei der Schule, kann es passieren, dass auch das sonst als sicher erlebte Zuhause als bedrohlich empfunden wird. Pflegekinder benötigen dann von ihren Pflegeeltern Zuspruch, Ermutigung und Unterstützung.[1]
Beziehungserfahrungen und Schule
Insbesondere der Grundschulbereich lebt von Beziehungen. Kinder, die eine gute Beziehung zu ihren Lehrerinnen und Lehrern haben und in der Klasse beliebt sind, können besser lernen. Pflegekinder stellt bereits dieser Umstand vor Herausforderungen, sind sie doch oftmals Kinder mit Beziehungsstörungen, die mehrheitlich die Erfahrung machen mussten, dass Erwachsene nicht verlässlich und beschützend sind. Oftmals sind sie Erwachsenen gegenüber deshalb misstrauisch und haben es schwer, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.
Erst wenn sich Pflegekinder in der Pflegefamilie sicher fühlen, können sie sich schulischen Anforderungen widmen. Schwierige Umgangskontakte, ein unsicherer Verbleib bei den Pflegeeltern oder verunsichernde Aussagen der leiblichen Eltern können das Kind aber immer wieder so in Anspruch nehmen, dass es all seine Energie braucht, um sich mit sich und seinen Lebensthemen zu beschäftigen. Schnell ist es dann den schulischen Anforderungen nicht mehr gewachsen und Schule ist dann kein Lernfeld mehr, sondern ein Ort, an dem sich Probleme, die sowieso bestehen, in besonderem Maße ausdrücken. So kann es passieren, dass die Konflikte rund um das Thema Schule plötzlich im Vordergrund stehen.
Dann ist es wichtig, das Thema Schule aus dem Beziehungsfeld der Pflegefamilie herauszuhalten. Dabei kann es hilfreich sein, eine Hausaufgabenhilfe zu engagieren, eine Ganztagsschule mit Hausaufgabenbetreuung zu wählen, gute Absprachen mit den Lehrerinnen und Lehrern zu treffen, den Netzwerkgedanken zu stärken und Eltern, Fachkräfte, Therapeuten etc. miteinzubeziehen sowie die Stärken des Kindes auch im Hilfeplangespräch hervorzuheben.
Folgende Aspekte können hilfreich sein:
- Hausaufgabenhilfe
- Ganztagsschule mit Hausaufgabenbetreuung
- Absprachen zwischen Lehrerinnen bzw. Lehrern und Pflegeeltern
- Stärkung des Netzwerkgedankens (Eltern, Pflegeeltern, Jugendamt, Vormund, Lehrer, Therapeuten, Ärzte etc. )
- Konkrete Beschreibung der Stärken des Kindes im Hilfeplan[2]
Herausforderung Anstrengungsbereitschaft
Auch wenn nicht alle Pflegekinder traumatisiert sind, zeigen doch viele von ihnen Schwierigkeiten in der Schule, die zu einem großen Teil mit der sogenannten mangelnden Anstrengungsbereitschaft zusammenhängen. Die Bereitschaft, sich für etwas anzustrengen, entwickeln Kinder umso besser, je mehr Ermutigung sie erfahren und sich aktiv mit etwas auseinandersetzen können. Die Anstrengungsbereitschaft wird gestärkt, wenn Kinder die Erfahrung machen, dass sie selbst etwas verändern können und ihr eigenes Tun als erfolgreich bewerten.
Eltern können die Anstrengungsbereitschaft fördern, indem sie Kinder das, was sie eigenständig können, zum Beispiel sich anziehen, auch machen lassen und positives Feedback geben. Je mehr Eltern ihrem Kind zutrauen, umso mehr stärken sie sein Selbstwertgefühl, was dazu beiträgt, dass sich das Kind selbst neue Handlungen zutraut. So wird die Aufgabe als Herausforderung empfunden, was zu Anstrengung motiviert und das Kind an seinen Taten wachsen lässt.
Viele Pflegekinder sind, solange sie ihre Erfahrungen aus der Herkunftsfamilie noch nicht verarbeitet und keine stabile neue Beziehung zu den Pflegeeltern entwickelt haben, nicht schulfähig. Angstfreiheit und das Empfinden von Sicherheit sind wichtige Voraussetzungen um, spielen und lernen zu können. Ein Pflegekind kann im Grunde erst dann als schulreif angesehen werden, wenn es die Integration in die Pflegefamilie gemeistert hat. Sollte dies noch nicht der Fall sein, sollte mit Fachkräften gemeinsam darüber befunden werden, den Schuleintritt ggf. um ein Jahr zu verschieben.
Pflegeeltern und Schule
Das Selbstwertgefühl des Kindes ist von der Beziehung zu den Lehrkräften, den schulischen Erfolgen und Noten abhängig. Wird es ständig kritisiert und bestraft erlebt es die Lehrkraft schnell als Angreifer und kann in frühere Empfindungen der Ohnmacht und Hilflosigkeit zurückfallen.
So sehr sich Eltern wünschen, dass sich ihr Kind verhält wie die anderen Kinder, so sehr sie wollen, dass es nicht auffällt, so wichtig ist es, dass Eltern dadurch nicht in die strenge Rolle der Lehrerin oder des Lehrers verfallen. Übernimmt die Mutter regelmäßig bei den Hausaufgaben die Rolle der strengen Lehrerin, verliert das Kind in diesem Moment die Mutter in der Mutterrolle. Um dem zu entgehen, trödeln manche Kinder herum, machen unsinnige Fehler und wollen gar nicht erst mit den Hausaufgaben anfangen. Meist ist das Ergebnis jedoch das Gegenteil von dem erwünschten – die Mutter erlebt sich als ohnmächtig und rutscht in die strenge Rolle der Lehrerin, die versucht, die schulischen Anforderungen durchzusetzen. Als Reaktion darauf verhält sich das Kind möglicherweise jammernd, sagt, dass es das nicht kann, keine Lust hat.
Der Zuspruch der Mutter in der Rolle der Lehrerin, das Kind wisse doch, dass es das kann, hilft dann nicht, denn das Kind will ja verhindern, dass die Mutter zur Lehrerin wird und kann sich, unbewusst, auf nichts anders konzentrieren. Durch diesen Teufelskreis wird das Kind in seinem Selbstwert immer weiter herabgesetzt, schließlich erlebt es ja, dass es seiner Mutter solchen Ärger macht, und kann bis zur Handlungsunfähigkeit blockiert sein. Eltern sind an dieser Stelle also gut beraten, eine innerliche Distanz zum Thema Schule aufzubauen und bewusst dem eigenen Rollenwechsel hin zur Lehrerin oder dem Lehrer vorzubeugen. Am besten für das Kind ist es, wenn Lehrer Lehrer und Eltern Eltern bleiben.[3]
Quellen:
[1] Wiemann, Irmela (2022): „Ich kann das sowieso nicht“. In: Kinder- und Jugendförderung Pflegeelternverein Steiermark (Hrsg.): Pflegekinder und Schule. Elternheft 1/2022. S. 4-6. URL: https://www.affido.at/wp-content/uploads/2022/09/Elternheft_1_2022_web.pdf – (zuletzt aufgerufen am 29.9.2025). S. 4-6
[2] Hopp, Henrike (2005): Können Pflegekinder die Anforderungen der Schule erfüllen? URL: https://pams-ev.de/wp-content/uploads/2016/05/Koennen-Pflegekinder-die-Anforderungen-der-Schule-erfuellen.pdf – (zuletzt aufgerufen am 29.9.2025)
[3] Ertmer, Hansjürgen (2019): Pflegekinder und Adoptivkinder in der Schule. URL: https://www.moses-online.de/fachartikel-pflegekinder-adoptivkinder-schule-hansjuergen-ertmer – (zuletzt aufgerufen am 29.9.2025).